Archiv des Autors: Evelyn Reso

Ein Selbstportrait

Koffer_Reso

von Evelyn Reso

Alles, was mitmuss, liegt auf dem Bett ausgebreitet: Hosen, T-Shirts, Pullover, Toilettenzeugs, eine dünne Jacke, eine dicke Jacke und eine wasserfeste – sollte es entgegen aller Wetterprognosen doch zu sintflutartigen Regenfällen kommen. Alles wird gut sortiert verstaut, damit man es nachher schnell wiederfindet in den Untiefen des Koffers. Socken und Tempos stopfen die verbliebenen Löcher. In letzter Sekunde landen weitere überlebenswichtige Utensilien im Koffer: weitere Tempopäckchen, ein Taschenmesser, ein Feuerzeug – ich rauche nicht, aber es könnte ja nützlich sein.

Fertig.

Jetzt noch das Adressschild kontrollieren und den farbigen Anhänger dranmachen, zur Sicherheit auch noch einen Gepäckgürtel drum herum geschnallt. Zwei-, dreimal öffnet sich noch der Reisverschluss und die letzten unverzichtbaren Kleinigkeiten verschwinden im Spalt – nur für alle Fälle, man kann ja nie wissen. Jetzt noch den Verschluss ins Schloss stecken und die Nummern verdrehen – so verwirrend wie möglich, für ganz schlaue Gepäckdiebe. Dann doch nochmal aufmachen, falls der Code nicht stimmt – besser, ich finde das jetzt heraus als hinterher. Wieder schließen. Nein, am besten doch gleich offenlassen, es könnte ja sein, dass der Zoll im Reiseföhn etwas Verdächtiges vermutet und das Schloss aufbricht, dann ist der Koffer hin. So, jetzt aber ab auf die Waage. Der Koffer wiegt genau 12,5 Kilogramm, das macht 2,5 Kilogramm Spielraum für Mitbringsel, perfekt.

Ein mulmiges Gefühl beschleicht mich, als der Koffer über die Gepäckschiene fährt und hinter der freundlichen Flugbegleiterin durch die Luke verschwindet. Meine Hände sind leer, der Körper so leicht. Durch das kleine Fenster im Passagierraum beobachte ich den Gepäckzug, der gerade unter dem Flugzeugflügel hält. Ist mein Koffer dabei? Was, wenn nicht?

Nervöses Gedrängel am Gepäcktransportband. Koffer für Koffer wird vom Band gehievt und mitgenommen. Nach einigen Runden Leerlauf, hält das Gepäckband an. Das war’s, da kommt nichts mehr. Panik kriecht in mir hoch. Was mache ich jetzt nur? Mit einem Ruck läuft das Gepäckband wieder an. Ein Koffer purzelt durch die Luke, ein zweiter und dann endlich einer mit dem vertrauten Anhänger, dem Gürtel, mein Koffer, er kommt! Schnell fische ich ihn herunter und umklammere seinen Griff. So als wäre ich ohne ihn verloren. So als wäre ich mit ihm gerüstet für all das, was kommt. So als könnte mir mit meinem Koffer nichts geschehen.

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Eine Begleitaktion zur Sonderausstellung „Packen, tragen, rollen – Reisegepäck im Wandel der Zeit“ (2021-2022)

Mrs. E. Scarpa

von Ursula Scarpa

4103651So steht es auf der Plakette der braunen Reisetasche. In Wirklichkeit hieß die Ehefrau von meinem Großvater Olga Kranz Scarpa. Das E steht für Emil.

Frauen hatten in der Geschichte bezüglich ihrer Ebenbürtigkeit Männern gegenüber stets einen schweren Stand. Als verheiratete Frau reiste man zu Beginn des 20. Jahrhunderts stets unter dem gesamten Namen des Ehegatten.

Emil Scarpa entstammte einer venezianischen Familie, die 1866 für die k. u. k. Monarchie Österreich-Ungarn optierte und aus Venedig abwanderte und ihren Wohnsitz nach Triest verlegte.

Er wurde Direktor der Österreichischen Dampfschifffahrtsgesellschaft Lloyd in Triest.

Emil_ScarpaBis zum Ende der Habsburger Monarchie galt Triest als Hafen von Wien und war Sitz des 1833 gegründeten Österreichischen Lloyd, der damals größten Dampfschifffahrtsgesellschaft im Mittelmeer. Die Eröffnung des Suezkanals im Jahr 1869 ermöglichte der Lloyd die Inbetriebnahme der Linie Triest-Bombay.

Mein Großvater reiste für die damaligen Verhältnisse bis ans andere Ende der Welt und hat in Bombay 18 Jahre lang für die Gesellschaft gearbeitet.

Als er ins heiratsfähige Alter kam, wollte er weder eine Inderin noch eine Engländerin zur Frau. Deshalb reiste er nach Graz zur Brautschau und nahm Olga Kranz zur Ehefrau. Sie entstammte einer wohlhabenden Familie aus Andritz bei Graz, die mehrere Kartonfabriken besaßen.

Sie sind dann als Ehepaar zurück nach Bombay, aber nicht für lange Zeit, denn die Ehefrau Olga vertrug das Klima in Bombay nicht besonders.

Im mondänen Meran fanden sie 1908 ein neues Zuhause. Sie haben so lange in Meran gelebt, bis Herr Scarpa schwer erkrankte und deshalb zur Behandlung nach Wien zog und dort auch verstarb. Er ist auch dort begraben.

Nun muss die weitgereiste Ledertasche nicht mehr auf meinem Dachboden ihr Dasein fristen und erfährt im Touriseum jede Menge Bewunderung und Aufmerksamkeit.

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Mein allererster Koffer, den ich eigentlich nicht wollte

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von Adi Thuile

Meine kleine Koffergeschichte liegt schon viele Jahre zurück und doch kommt es mir vor, als wäre sie erst vor kurzer Zeit gewesen.

Ich schreibe das Jahr 1966. Meine Eltern haben beschlossen, mich auf ein Internat zu schicken. Sie waren der Meinung, es sei das Beste für mich und ich hätte es zu respektieren. Mich zu rebellieren war nicht angebracht, es hätte an der Entscheidung nichts geändert.

Für die Einschulung in die Mittelschule wurde demnach alles rechtzeitig vorbereitet. Meine Mutter nähte auf alle meine Kleidungsstücke die Nr. 36 auf. Die Nummer war in der Farbe rot auf weißem, kleinen Stoffuntergrund, also nicht zu übersehen. Irgendwie fand ich das gar nicht toll, denn ich kannte ja meine Kleider auch ohne Nummer.

….und dann lag er da, auf meinem Bett, hellblau mit dunkelblauen Streifen, hinten und vorne im Karomuster in Stoff gedruckt.  Es war mein Koffer, daran gab es kein Zweifel, denn mein Name war in der braunen Lederlasche ganz deutlich ersichtlich. Ich öffnete ihn und fand alle meine persönlichen und nun nummerierten Sachen darin. Meine Freude konnte man mir nicht ansehen, denn ich empfand keine Freude, aber sehr wohl so eine Art von Wut.

Am darauffolgenden Morgen fuhren meine Eltern und ich und mein kleiner, blauer Koffer Richtung Brixen. Während der ganzen Fahrt hielt ich mich am Koffer fest, der den zweiten Platz hinten besetzte. Ich wagte es nicht irgendeine Bemerkung zu machen.

Bald darauf stand ich vor der großen Eingangstüre des Kassianeums und ich wurde freundlich empfangen. Aber sobald sich die Türe hinter mir schloß, fühlte ich mich gefangen. Ich, der immer so frei war und den ganzen Tag in der Natur verbrachte, musste von nun an folgsam sein und alle Regeln akzeptieren.

Es begann eine traurige Zeit mit vielen Tränen und starkem Heimweh. Nur einmal im Monat durfte mein kleiner, blauer Koffer und ich nach Hause fahren und das war eindeutig zu wenig für mich.

Und so packte ich jede Woche meinen kleinen Koffer und hoffte innigst, dass wir beide abgeholt werden. Aber dem war nicht so.

Mein kleiner Koffer und ich beschlossen demnach auf eine andere Art und Weise die Heimreise zu erzwingen. Wir waren uns einig, dass wir es gemeinsam schaffen würden … nach mehreren gescheiterten Versuchen und nach dem zweiten Aufenthaltsjahr im Internat war es endlich soweit … die große Eingangstüre öffnete sich und ein strahlender, aufgekratzter Lausbub verließ mit seinem kleinen Koffer für immer das Internat und hatte nie mehr eine Kleidung mit einer aufgenähten Nummer.

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Ein “treuer” Begleiter

von Rudi Gamper

Wenige Jahre vor ihrem Tod fragte ich meine 90-jährige Mutter, wo denn der Koffer sei, der immer auf dem alten Kasten lag und den sie bei der Option nach Österreich und zehn Jahre später wieder beim Rückwandern nach Südtirol bei sich hatte? Sie habe ihn verworfen, meinte sie mit ernstem Gesicht, denn sie wolle nicht mehr an die traurigsten Jahre ihres Lebens erinnert werden. In den braunen Koffer aus gepresster Pappe mit den dreieckigen Schutzblechen an den Ecken hat sie 1940 die wenigen Habseligkeiten gepackt, die der Vater und sie, die Hochschwangere, in den ersten Tagen in der Fremde brauchen würden. Sicher war es beim Kofferpacken nicht ohne Tränen abgegangen, war sie doch gegen das Gehen und in keiner Weise vom Optimismus des Vaters überzeugt, in Osttirol ein besseres Leben führen zu kFamilie_Gamperönnen und eine sicherere Arbeit als Steinmetz zu finden. Von den 31 Jahren seines Lebens hatte der schwerhörige Vater mehr als die Hälfte mit Steine Klopfen verbracht und die Mutter die Hälfte ihrer 28 Jahre bei den Bauern als Magd im Südtiroler Unterland. Denn seit ihr Vater wegen einer jüngeren Frau die Familie verlassen hatte, war ihre Mutter mit fünf kleinen Kindern zu Fuß vom Ritten zurück in ihre Heimat nach Belluno gezogen, und alle Kinder mussten nach der Volksschule “in den Dienst” zu den Bauern im Südtiroler Unterland. Zu Silvester 1938 hatte sie dann meinen Vater geheiratet und am Traualtar ihm “die Treue in guten und bösen Tagen” versprochen, ohne zu ahnen, dass die “bösen Tage” sehr bald Wirklichkeit werden würden. Denn der Vater entschied sich im Oktober 1939 wegen der schlechten Arbeitslage in Südtirol für das Optieren, die Mutter aber wäre gern geblieben, hatte aber, wie alle Frauen damals, kein Wahlrecht. Und als der Vater im Jänner 1940 den Koffer im Zug nach Österreich verstaut hatte und die Mutter vom Zugfenster aus die winkenden Menschen am Bozner Bahnhof sah, meinte sie: “Peter, die haben es schön. Die dürfen bleiben.” Nur mit der einzigen Habe, dem braunen Koffer, erreichten sie das ihnen zugewiesene alte steinerne Haus in Matrei/Seblas in Osttirol. Nach fünf Monaten kam mein Bruder Adi zur Welt. Doch weil das raue Klima dem Kind arg zusetzte, riet der Arzt den Eltern, nach Schärding zu ziehen, denn, wie er sagte, Schärding sei “die Mutter vom Butter”. Diesmal war der braune Koffer fast ausschließlich mit Windeln gefüllt, denn die Reise nach St. Roman bei Schärding dauerte immerhin zwei ganze Tage.

Mein Vater erhielt in St. Roman eine schöne Arbeit als Steinmetz, doch die Mutter litt nach wie vor an Heimweh und hatte nur einen Wunsch: Zurück nach Südtirol. Schließlich kam 1942 ich zur Welt. Und als 1946 mein Bruder die Volksschule besuchen sollGamper_Peter_Rudi_Adi_1949te, richtete der Vater im Juli ein Gesuch an den Landeshauptmann von Oberösterreich mit der Bitte, einen Tag lang nach Südtirol reisen zu dürfen, um bei der Verwandtschaft gebrauchte Bubenkleider abzuholen. Die Antwort fiel negativ aus, denn – so der heute noch erhaltene Brief im Landesarchiv Oberösterreichs – Auslandsreisen würden nur bewilligt, wenn sie “im öffentlichen oder politischen Interesse Österreichs gelegen sind”. Und so fuhr der Vater mit dem Zug und dem leeren braunen Koffer nur bis zum Brenner, wo ihm die Verwandten aus Leifers Pakete mit gebrauchten Bubenkleidern über den Schlagbaum reichten und er diese eiligst im Koffer verstaute. Zwei Jahre später erließ Italien das “Reoptantendekret”, und da gab es für die Mutter kein Halten mehr. Der Vater musste gegen seinen Willen um die Rückkehr nach Südtirol ansuchen, und im Oktober 1950 saßen wir mit dem braunen Koffer in einem Lastkraftwagen und fuhren zum Dorf St. Roman hinaus. Für uns Buben eine riesige “Hetz”, einmal mit einem qualmenden LKW fahren zu dürfen. Aber ich erinnere mich noch genau, dass die Eltern weinten; der Vater, weil er lieber in Österreich geblieben wäre (und wohl auch besorgt war, wie man ihn als Rücksiedler in Südtirol aufnehmen würde), bei der Mutter aber waren es Tränen der Freude. Nach der Ankunft am Bozner Bahnhof und der Fahrt mit dem SASA-Wagen mit den hölzernen Bänken, erhielten wir eine einfache Wohnung in den Kasernen von Leifers zugewiesen. Und weil die Möbel erst eine Woche später nachkamen, lebten wir sieben Tage lang von den Habseligkeiten, die die Mutter im braunen Koffer verstaut hatte.

Übrigens hat die Mutter den Koffer nie mehr verwendet, genauso, wie sie Zeit ihres Lebens nie mehr einen Zug bestiegen hat; zu schmerzhaft war die Erinnerung an die Ausreise 1940. Inzwischen sind alle Zeugen dieser unseligen Zeit verstorben, und ebenso gibt es den “treuesten” Zeugen dieser Zeit nicht mehr – den braunen Koffer aus gepresster Pappe mit den dreieckigen Schutzblechen an den Ecken. Es gibt ihn nur noch in meinen Erinnerungen.

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Ein Koffer als Tisch neben dem Diwan…

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von Barbara Maria Stocker

Koffer haben etwas Geheimnisvolles an sich. Auch wenn ich nie einen zum Reisen besaß, so kann ich mich für Koffer in Romanen, Filmen und Ausstellungen immer begeistern. Denn wenn sie könnten, hätten sie viel zu erzählen. In Studienzeiten war ich wie viele andere mit „Sporttaschen“ unterwegs, die als Werbegeschenke von Geschäften verteilt wurden und mit deren Adresse bedruckt waren.

Heute benütze ich eine kleine Reisetasche oder einen Trolley. Trotzdem gehören zwei Koffer zu meinem Leben. In meiner Kindheit spielte ich mit einem alten, kleinen Koffer, den vor mir schon meine Mutter verwendet hatte. Ich verstaute dort Kleidchen für die Puppen, Bürsten und Bücher. Als Jugendliche stapelte ich darin Musikkassetten, heute habe ich dort Stadtführer, Prospekte und Visitenkarten aufbewahrt.

Koffer_Stocker_2

Ein etwas größerer Koffer dient mir im Wohnzimmer als Tischchen, wo ich alles, was ich am Abend brauche, draufstelle: Bücher und Zeitschriften, Spielkarten, das Strickzeug, eine Handcreme und ein Glückskeks, denn Glück kann man immer brauchen.

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Nur ein Gepäckstück

von Klara Rosemann

Im Laufe meines langen Lebens bin ich oft verreist und habe viele Koffer gepackt.

Doch die stärksten Erinnerungen habe ich an jene Reise im August 1940, die mich mit meiner Familie von Bozen nach Österreich führte. Das geschah im Rahmen der Umsiedlung der deutschsprachigen Bevölkerung aus Südtirol ins Deutsche Reich.

Familie_Rosemann1Meine Eltern waren damals 46 und 36 Jahre alt, mit drei Kindern im Alter von 9, 8 und 7 Jahren. Ich war die Jüngste in der Familie. So standen wir zu fünft am Bahnsteig in Bozen und warteten auf einen Zug, der uns in ein fremdes Land und in eine ungewisse Zukunft bringen sollte. Bei einem kurzen Aufenthalt in Brixen konnten wir uns noch von unseren Großeltern verabschieden, dann ging es weiter nach Innsbruck.

Da jeder Person nur ein Gepäckstück erlaubt war und die Koffer von uns Kindern entsprechend klein waren, reisten wir mit geringem Gepäck.

Für uns Kinder war die Reise ein großes Abenteuer. Frisch eingekleidet und neugierig auf alles Neue genossen wir die Fahrt. Mit wie vielen Zweifeln und Ängsten dagegen unsere Eltern diese Reise antraten, wurde uns erst viel später bewusst.

Unsere Reise war gut organisiert. In Innsbruck wurden wir bereits erwartet und unsere Eltern mussten entscheiden, wo wir zukünftig leben wollten. Unsere Großmutter hatte uns oft von der schönen Gegend am Bodensee erzählt. So fiel uns die Entscheidung nicht schwer, wir fuhren weiter nach Bregenz.

Familie_Rosemann2Nach kurzer Zeit wurde uns eine geräumige Wohnung mit Bad und Toilette zugewiesen, was damals einen ungewöhnlichen Luxus darstellte. Natürlich wurde das von Teilen der einheimischen Bevölkerung mit einem gewissen Misstrauen beobachtet, und so blieben «wir Südtiroler» anfangs in den eigens für uns erbauten Siedlungen unter uns.

Unser Vater fand trotz seines Alters schnell Arbeit und wir Kinder besuchten die Volksschule. Da wir aber in Südtirol nur in italienischer Sprache unterrichtet worden waren und zudem einen fremden Dialekt sprachen, dauerte es eine gewisse Zeit, bis wir uns eingelebt hatten.

Seither ist sehr viel Zeit vergangen. Wir Kinder haben hier eine Heimat gefunden und Wurzeln geschlagen.

Aber manchmal packen wir einen kleinen Urlaubskoffer und reisen für ein paar Tage zurück über den Brenner. Und erinnern uns an jene Reise im Jahre 1940, die unser Leben so grundlegend verändert hat.

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Ich bin kein Koffermensch, ich bin ein Rucksackmensch

von Anni Pixner Pertoll

„Wenn du vom Militärdienst frei gehst, dann machen wir zusammen eine Reise.“ Das sagte ich scherzhaft zu meinem, damals 19 Jahre alten Sohn, Much.
Etwa drei Monate später schwenkte er freudig den „Concedo“ und fragte: „Wohin geht die Reise?“

Wir entschieden uns für Island. Für ihn selbstverständlich mit Rucksack und Zelt. Ich dachte mir: “Na ja, wenn er mir das zutraut, warum nicht?“

Pixner_Pertoll_RucksackAlso erklärte mir Much, welche Beschaffenheit ein Rucksack haben muss und wie man den richtig trägt. Das war wichtig, denn in unsere Rucksäcke musste viel hinein.
Für unsere mehrwöchige Maiwanderung im hohen Norden kam einiges zusammen: Zelt, dicke Daunenschlafsäcke, Isomatten, Kochgeschirr, Gaskocher, Fertiggerichte und natürlich warme Kleidung. Der Wanderführer und das Tagebuch durften genauso wenig fehlen wie die Stirnlampe.

Wenn wir am Ende des Tages unsere Rucksäcke auspackten und das Nachtlager aufschlugen, besetzten wir mehrere Quadratmeter Fläche. Immer wieder war ich erstaunt, was wir alles mitschleppten, wieviel Platz in so einem Rucksack ist. Und zu meiner Überraschung gelang es jeden Morgen, alles wieder zu verstauen, was wir am Abend vorher ausgepackt hatten.

Drei Wochen waren wir unterwegs. Der Rucksack war zwar schwer, aber wir wurden von der mystischen Natur Islands und der dortigen Ruhe reich beschenkt. Es fehlte uns an nichts und es wurde eine meiner schönsten Reisen. Von da an war ich fast nur noch mit dem Rucksack unterwegs.

Mit meiner Rucksackbegeisterung steckte ich auch meinen Mann an. Fortan unternahmen wir zahlreiche Touren, manchmal mit und manchmal ohne Zelt.

Pixner_Pertoll_Rucksack_2Eine besondere Rucksackreise war der Jakobsweg nach Santiago de Compostela mit meiner Schwerster Rosi.

Diesen 800 km langen Pilgerweg wollte ich mit besonders leichtem Gepäck begehen.

Daher fing ich schon drei Wochen vor dem Start mit dem Rucksackpacken an.
Zuerst legte ich Dinge bereit, von denen ich annahm, ich würde sie unbedingt brauchen.
Die Folge: Der Rucksack war zu schwer.
Immer wieder reduzierte ich, jedes Mal mit dem Ergebnis: Noch zu schwer!
Ich begann, leichtere Kleidungsstücke auszuwählen.
So wiegt ein Kaschmirpullover um einiges weniger als ein Wollpullover.
Dann begutachtete ich die Toilettenutensilien und drückte die Tube der Zahnpaste bis auf ein Drittel aus, viertelte die Kernseife, tauschte die Sonnencreme mit einer Miniausgabe aus und ersetzte das dicke Handtuch mit einem kleinen aus Mikrofaser.
Nun passte es.
Mein Rucksack wog 7 kg. Das ideale Gewicht für meine Größe.

Auf dem gesamten Weg vermisste ich nichts. Ich hatte alles dabei, was ich brauchte.

Mein Rücken gewöhnte sich mit der Zeit so an den Rucksack, dass ich mir ohne fast nackt vorkam.

Pixner_Pertoll_Rucksack_3Unterwegs begegneten wir immer wieder Pilgern, die schwer zu schleppen hatten.
Nur ein 90jähriger, der von Paris nach Santiago pilgerte, war mit noch weniger Gepäck unterwegs. Er hatte kaum Wechselkleider, keinen Fotoapparat, kein Tagebuch und anstelle des Schlafsackes nur einen Hüttenschlafsack. So geht es auch.

Auf dem langen Weg lernten wir einige liebe Leute kennen. Man ging ein Stück zusammen, machte zusammen Rast, teilte den Proviant, kochte gemeinsam und tauschte Erfahrungen aus.

Meine Schwester und ich, wir waren immer langsam unterwegs, nach den Moto: „chi va piano va lontano.“ Unsere inzwischen liebgewordenen Pilgerfreunde legten den Weg nach ihrem Tempo zurück. Wenn sie aber an einer Raststätte Halt machten, stellten sie ihre  Rucksäcke, die wir inzwischen kannten, vor die Tür, um uns ihre Anwesenheit kundzutun.
Die Freude der Wiederbegegnung war immer groß.

Somit waren unsere Rucksäcke längst mehr als nur ein notwendiges Gepäckstück. Und so verspüre ich immer dann, wenn ich Menschen mit Rucksäcken begegne, eine Sehnsucht in mir, möchte sofort aufbrechen, irgendwohin, um offen zu sein, die Welt ein bisschen besser kennenzulernen. Und somit auch mich.

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Der Begleiter

von Helga Stockreiter

 

StockreiterStolz und glücklich hält deine Mutter dich im Arm,

ihr Töchterchen ist geboren!

Deine Eltern bringen dich nach Hause,

ich darf dich begleiten.

 

Jahre vergehen,

du fährst mit deinen Eltern ans Meer,

du fährst mit deinen Eltern in die Berge,

ich darf dich begleiten.

 

Jahre vergehen,

stolz zeigst du dein Maturazeugnis.

Du wirst studieren, in einer anderen Stadt,

ich darf dich begleiten.

 

Jahre vergehen,

vor deinem Namen steht jetzt ein „Dr.“,

an deiner Seite steht ein junger Mann.

Du folgst ihm in die grünen Wälder von Michigan,

ich darf dich begleiten.

 

Jahre vergehen,

du bist wieder allein.

Du kommst zurück in deine Heimat,

ich darf dich begleiten.

 

Jahre vergehen,

an deinem Bett steht ein Arzt.

Sanitäter bringen dich fort,Koffer_Stockreiter

ich darf dich nicht begleiten.

 

Dein Sohn lässt die Wohnung ausräumen.

Ich stehe in einem leeren Zimmer,

ich höre eine Stimme:

„schau, dort ist noch ein Koffer!“

 

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Koffer der Erinnerung

Koffer_der_Erinnerung

von Claudia Rieflin

Mein Koffer ist klein. Er misst nur 31/21/12 cm. Er stammt aus Australien und diente in den 60er Jahren als Schultornister meiner großen Schwester. Meine Eltern wanderten 1959 dorthin aus. Haben schlichtweg das deutsche Wirtschaftswunder verpasst, um Down Under ihr Glück zu finden. Sie waren Migranten, Ausländer, die, die den Krieg angefangen haben. Das erste halbe Jahr lebten sie aus Koffern. Frauen und Kinder von den Männern streng getrennt – in Wellblechbaracken des Auswandererlagers. Sie lernten die Sprache, die Verfassung, die Geschichte und den Humor des neuen Landes. Sie integrierten sich, sie arbeiteten fleißig, schlossen Freundschaften und hatten im Winter Heimweh nach Schnee und „Stille Nacht“.

Ich kam 1964 zur Welt. Eine kleine Australierin, geboren im Queen Elisabeth Hospital, als jüngste von drei Schwestern. Meine Pateneltern waren unsere italienischen Nachbarn. Bis heute hüte ich das goldene Medaillon der heiligen Madonna, das ich zu meiner Taufe von ihnen erhielt. Sie liebten es, meinen Vater und die deutsche Sprache zu parodieren: „Schnell, schnell! Aber zackig!“

Mein Vater versicherte mir bis zu seinem Tod glaubhaft, dass er nicht enttäuscht war, dass ich kein Bub geworden bin. Bei meiner Mutter bin ich mir da nicht so sicher.

Meine Schwestern gingen in den Kindergarten und zur Schule. Jeden Morgen wurden die kleinen Papptornister gepackt und sie stiegen in den gelben Schulbus. Zwei deutsche Mädels, die nicht wussten, was deutsch, australisch, italienisch, schottisch, jüdisch, christlich, schwarz oder weiß ist. Jeder kam irgendwo her, ging irgendwo hin und fühlte sich trotzdem verbunden.

Rieflin_Genua

Auf der Überfahrt zurück nach Genua auf der „Galileo Galilei“ 1965. Mein Vater hält mich im Arm, meine zwei Schwestern stehen davor und schauen aufgeregt aufs Meer, meine Mutter ist ganz rechts noch zu erkennen.

Ich habe keine Kindheitserinnerungen an mein Geburtsland. Die Erinnerungen existieren nur in Form von Jahr zu Jahr mehr verblassenden Schwarzweiß-Fotos. Aufnahmen, die sorgfältig arrangiert und überlegt sein wollten, da der Film und die Entwicklung teuer waren. Ein Foto bedeutete ein Ereignis – und zwar ein unwiederbringliches. Taufe, Kommunion, Geburtstag, Feiertage und Glücksmomente. Auf einigen erkenne ich den kleinen taubengrauen Koffer mit den weinroten Beschlägen und dem knallroten Kunststoffgriff: In der braungebrannten Hand meiner Schwester, auf dem Boden stehend neben meinem Kinderwagen, vor dem obligatorischen Gummibaum im Wohnzimmer, auf der 6-wöchigen Schiffspassage zurück nach Europa – umklammert von meiner unglücklichen Schwester, die nicht zurück wollte ins kalte Deutschland.

Ich habe mir den kleinen Tornister gesichert. Meiner großen Schwester weggeschnappt. Ich bewahre darin meine Momente auf. Fotos von Haustieren. Vom Tanzstundenabschlussball. Der erste Freund. Schulabschluss. Der erste Interrail-Urlaub nach Griechenland. Saint Tropez im verrosteten Alfa Bertone. Die ersten eigenen Vier Wände. Meine Reise nach Australien in den 90ern. Kängurus, Koalas, Wombats, der Hafen von Sydney, das Great Barrier Reef, die Weinberge von Barossa Valley, meine italienischen Pateneltern „Schnell, schnell! Aber zackig!“

Vor allem die Urlaube in Italien. Toskana, Cilento, Rom, Florenz, Mailand, Venedig, Sizilien Sardinien und immer wieder Meran, Meran, Meran. Mein Sehnsuchtsort. Der Ort, der in schweren Zeiten das Herz leichter werden lässt. Diese verlässlichen Bilder, die vor dem geistigen Auge entstehen, die Freunde, die man gefunden hat und im Herzen bewahrt. In Zeiten von unzähligen, flüchtigen Smartphoneaufnahmen, hüte ich meinen Koffer der Erinnerung. Ich mache Abzüge von unwiederbringlichen Augenblicken und weiß, dass mich dieser Koffer bis ans Ende meiner Tage begleiten wird.

Ach, Meran, bitte hüte du deine Schönheit, wie ich meinen Koffer der Erinnerung.

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Der lila Koffer

von Henrike Steiner

Sie sind fast immer schwarz, die Koffer, die auf den Laufbändern der Flughäfen herummäandern.

Koffer_SteinerNa warte! hatte ich mir gedacht und mir für die anstehende Flugreise in das ferne asiatische Land einen knall-lila Flugkoffer zugelegt . ..

Wir brachen also mitten in der Nacht zum Flughafen München auf, um von dort nach vielen langen Flug-und Wartestunden endlich – schon recht mitgenommen von der Reise – in dem heißen, bunten Zielflughafen anzukommen.

Nun galt es nur noch sich der Koffer zu bemächtigen, um sich dann ins Abenteuer stürzen zu können. Aber o je !, was war mit meinem – wirklich sofort gut sichtbaren- lila Koffer passiert !? Er war ja kaum wieder zu erkennen, so ramponiert war er, nur notdürftig mit einem Spagat zusammengehalten.

Nun, nach dem ersten Schreck galt es zu handeln: unser kundiger Reiseleiter begleitete mich zur Beschwerdestelle, und wir füllten alle notwendigen Formulare aus, fotografierten das corpus delicti und unternahmen so alle Schritte, damit die Versicherung sich meines verletzten Koffers annehmen konnte.

Da kam plötzlich eine Gruppe aufgeregter einheimischer  Frauen  auf uns zugestürzt und überschüttete uns mit einem Schwall uns unverständlicher Worte …Allmählich wurde klar, dass sie es auf meinen armen lila Koffer abgesehen hatten..
Eine der Frauen machte schließlich verständlich, dass sie gar Besitzansprüche auf meinen zwar lädierten, aber doch einzigartigen lila Koffer anmeldete !

Nun, um es kurz zu machen : nach einigem Hin und Her schaute ich doch noch mal auf dem Gepäcklaufband in der Halle nach : und sieh da, da drehte ein glänzend neuer einsamer lila Koffer seine Runden und wartete auf seine Besitzerin…..

PS (und Übringens): Es wär ja interessant gewesen, zu sehen, was in so einem fremdländisch-exotischen Koffer alles drin ist ..

Ich war aber  letztendlich doch sehr froh, meinen lila Koffer samt nützlichem Inhalt wieder zu haben …

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