Archiv des Autors: Evelyn Reso

Koffer mit Aufkleber

von Herta Waldner, Hausmuseum Villa Freischütz Meran

Koffer_FreischützAufwendige Koffer in Rohr, Holz, Korb und Leder gab es zuhauf beim Sichten des Fundus im Hausmuseum Villa Freischütz in Obermais. Ein schlichter, sehr leichter Hartschalenkoffer „Typ Zwanziger Jahre“ entging deshalb unserer Aufmerksamkeit bis zum 8. November 2018. Ein weißer, runder Aufkleber mit der Notiz „WAEPANAERT Galaanzug“ ließ uns dann doch den Deckel lüften.

Zum Vorschein kam eine Galauniform mit üppig goldbestickter Hose samt Uniformjacke, ein leicht zerzauster Zweispitz mit Straußenfedern mit goldenem Emblem der Manufaktur J.B. Dubois & Fils Bruxeles- Fabrique de Coiffures e Passemonteries Militaire.

Koffer_Freischütz2Die Familie Fromm, selbst als Kurgäste 1905 nach Meran gekommen und seit 1922 in der Villa Freischütz Zuhause, kann man kosmopolitisch nennen: Peru, Göttingen, Barcelona, Paris. Alle Mitglieder waren mehrsprachig, davon zeugen antiquarische Bücher, Tagebücher und die Korrespondenz, aber so ein nordischer Name stach uns selten ins Auge. Vage erinnerte ich mich an ein sehr schönes Weihnachtsbillet von einer gewissen Carmen de Waepanaert, Xmas 27. Ihr Vater war Exminister von Belgien, Generalkonsul von Havanna, Chevalier vom Leopoldsorden… – als Kurgast nach Meran gekommen mit seiner spanischen Frau Dolores G. de Roig und Tochter Carmen, logierte er ca. 10 Jahre im Palast Hotel.

Beim Recherchieren der digitalisierten Zeitungen der Tessmann Bibliothek wurden dann die Todesanzeige und zwei Zeitungsnotizen aus dem Februar 1922 bezüglich eines belgischen hohen Militärs, Chevalier Charles Gustave Louis Philippe Waepanaert de Termiddel Erpe, gefunden.

Koffer_Freischütz3Als letzter Puzzlestein der detektivischen Kleinarbeit kam der Zufall hinzu. Tage zuvor – zu Allerheiligen – beim Studieren der Grabsteine der Gruften im Untermaiser Friedhof unter den Arkaden – derselben Reihe, wo auch der Grabstein der Familie Fromm Y Hilliger zu finden ist – fiel mir ein sehr schöner Grabstein auf. Direkt neben John Lowson Stoddart, dem amerikanischen Wahlmeraner. Auffallend auch wegen des nicht sehr ortstypischen, zungenbrecherischen Namens, der auf einen ebenso zugereisten Kurgast schließen ließ. Dort also hatte Waepanaert seine letzte Ruhe gefunden.

Der Rest der Geschichte lässt sich nur vermuten: am logischsten ist die Tatsache, dass Familie Fromm, die viele Jahre in Barcelona gelebt hatte, mit Dolores, der Gattin des Chevaliers, ihre gemeinsame spanische Herkunft verband. Der Umstand, dass Franz Fromm leidenschaftlicher Sammler von barocken Seiden war, lässt zudem den Schluss zu, dass Carmen de Waepanaert ihm die Galauniform ihres Vaters entweder verkaufte oder gar schenkte und das Prachtstück so in die Sammlung der Schätze der Villa Freischütz gelangte.

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Eine Begleitaktion zur Sonderausstellung „Packen, tragen, rollen – Reisegepäck im Wandel der Zeit“ (2021)

Das Nachtkästchen

von Paul Rösch

Sie können ruhig Nachtkästchen zu mir sagen, obwohl ich ein normaler Koffer bin, also ein Transportbehälter für eine Reise oder einen Urlaub. Letzteres war ich wohl auch, aber meist diente ich in meiner Vergangenheit als Nachtkästchen neben dem Bett oder – weit öfter – am Boden neben einer Matratze.

Ich lege Wert darauf, meine Rolle als Nachtkästchen hervorzuheben, denn ich war lange der Tresor der Träume, Hoffnungen und Illusionen meines Besitzers, den ich auf Reisen begleitet habe. Als Nachtkästchen diente ich als Ablage einiger weniger Objekte: Lampe, Wecker, Buch. Mein Inneres dagegen diente als Stauraum „intimer“ Objekte. Diese änderten sich immer wieder, wurden ausgetauscht und widerspiegelten die Entwicklung, Gedankengänge, Wünsche und Fehlgriffe meines Besitzers.

Kurz zu mir: Ich bin ein handlicher Koffer, bei den Menschen würde man meine Figur als klein und kompakt definieren und wenn man mich mit zu viel Inhalt versorgt, könnte ich auch als Vollschlank bezeichnet werden. Zudem bin ich aus braunem Lederimitat, ein sogenannter Skai-Koffer. Das Lederimitat war von allem Anfang an ein Kompromiss zwischen dem, was mein Besitzer wollte („ja nicht angeberisch sein!“), und dem, was sich dessen Mutter vorstellte, die den Kauf finanziert hat.

paul_rösch_01Wer aber war mein Besitzer, für den ich eine Zeit lang als treuer Begleiter stückweise auch Heimat war? Er kommt aus einer Kleinstadt, stand damals mitten in seiner Sturm- und Drangzeit und verspürte einen großen Drang, seinem Heimatort den Rücken zu kehren. Er glaubte, dass ihm zu viele Lehren, Lehrer und andere Erwachsene erklärten, wie das künftige Leben vor sich zu gehen habe, welche Ideale, welche Werte es zu verfolgen gelte und wie sich Menschen in seiner Umgebung grundsätzlich zu entwickeln hätten. Dieser Druck hemmte meinen Besitzer in seiner Kreativität und Lebensfreunde. So verstaute er einige Dinge in meinem Inneren und unsere gemeinsame Reise nahm ihren ersten Anlauf. Ein Monat, England, Englisch lernen: Das war ein Grund, der in den 1970ern gesellschaftlich akzeptabel war. Schließlich passte das reine unproduktive Herumreisen damals nicht in die herrschende Kleinstadtphilosophie…

paul_rösch_02…das ganze Universum meines Besitzers aber offensichtlich in mein Inneres: Sprachbücher mit Übungen, ein Wörterbuch, Wäsche für einen Monat, Laufschuhe und Schwimmhose, Fotoausrüstung und Bücher von Hermann Hesse, darunter auch „Siddhartha“, in dem man lesen kann, dass man zwar Wissen erlernen könne, aber niemals Lebensweisheit. Sie erwirbt man nur persönlich, indem man „Raum um Raum durchschreitet, an keinem wie an einer Heimat hängt“ („Glasperlspiel“, Hesse). Das Leben also selbst in die Hand nehmen, das war Programm. Die Haustürschlüssel als Garant für die Rückkehr, dazu noch ein Kuvert mit Fotos von den letzten Skitouren mit herrlichen Abfahrtsspuren, ein weiteres Kuvert mit mehreren Fotos und einigen Briefen eines attraktiven Mädchens, was darauf schließen lässt, dass sie für meinen Besitzer wohl etwas mehr bedeutete. Dafür spricht auch eine antike kleine Jesusfigur aus Bronze, die er ebenfalls im Kuvert aufbewahrt und vom Mädchen als Beschützer bekommen hat. Was passiert mit all den Erinnerungen? Wie werden sie verarbeitet, ausgebaut oder gar ausgelöscht? Eines steht fest: Ich war ein emotionaler Tresor oder gar ein kleines Museum der persönlichen Erinnerungen.

paul_rösch_03Aus dem geplanten Monat in England sind zwei Jahre geworden. Was da an Objekten in meinem Inneren hinzugefügt, was ausgetauscht, entsorgt und behalten wurde, das war für mich als Nachtkästchen-Koffer höchst interessant. Plötzlich gab es Arbeitsangebote aber auch Absagen, Briefe und Postkarten von Mädchen, auch hier Zu- und Absagen, immer wieder neue Bücher und Broschüren, meist Literatur zu fremdartigen und neuen Themenbereichen, Eintrittskarten als Erinnerungen an Konzerte, Museums- und Ausstellungsbesuche, Kursbescheinigungen und zudem Fotos von neuen Bekannten, Arbeitskollegen und Freunden. Als stiller Beobachter fühlte ich mich verantwortlich für den jungen Mann, durchlebte mit ihm all seine neuen Erfahrungen und Entwicklungen und freute mich über den jugendlichen Elan und seine Lebensfreude.

Nach zwei Jahren schönem Zusammenleben ergab sich plötzlich eine ganz neue Situation. Mir war schon seit einigen Wochen aufgefallen, dass plötzlich neue Bücher auftauchten, vorwiegend Reiseliteratur. Irgendwie war ich schon darauf vorbereitet, dass „Siddhartha“ Spuren hinterlassen und Indien ein Reiseziel sein würde. Dass vorab noch ein Arbeitsaufenthalt in einem Kibbuz in Israel dazukommt, darauf war ich nicht vorbereitet. Gut, ich habe mir keine weiteren Gedanken gemacht, schließlich interessierten mich beide Länder und ich wollte ihn auf beiden Reisen begleiten. Aber weit gefehlt.

Eines Tages stand ein großer Rucksack neben mir, ein back-packer. Was für ein Schock! Als Koffer und Nachtkästchen hatte ich endgültig ausgedient, denn für Fernreisen bin ich zu sperrig. Seitdem friste ich mein Dasein in einem Londoner Keller bei einem Freund des jungen Mannes. Einige Erinnerungsstücke finden sich in meinem Inneren, ein paar Kleidungsstücke, darunter zwei Anzüge und Krawatten. Dinge, die auf der Weltreise wohl kaum gebraucht werden. Ich warte, denn vielleicht werde ich noch abgeholt. Allerdings zweifle ich daran, deshalb träume ich von der Zeit, als ich noch ein Gepäcksstück war. Und ein Tresor gebündelter Illusionen.

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Die Da-Bleib-Koffer oder Mama, Dostojewski und das Mittelalter

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von Sonja Steger

Ja, einfach darum, weil Sonne und Strand und Woanderssein sich in einen Alptraum verwandelt hatten. Und das lag nicht am Zum-Nichts-Tun-Verdammt-Sein sondern an den Dus rundherum, am Schlafen auf hartem Boden, am Loch graben müssen, um aufs Klo gehen zu können, an der Alkoholkonzentration im Kreislauf der anderen und so fort.

All dies führte zum unumstößlichen Entschluss: Nie wieder Urlaub.

Seit da an glitten sie in den Dornröschenschlaf – die Koffer. Sie bergen in ihren Mäulern und Schlünden und Seitentaschen die zerknautschte Modesammlung – jene des Winters im Sommer, jene des Sommers etc.

Das Leben meinte es gut mit der Reisemuffelin. Ans Verreisen war so und anders nicht mehr zu denken. Sie hatte den Vater auf dem Weg zu seiner letzten Reise zu begleiten und danach die am Bahnsteig der Zeit zurückgebliebene Mutter.

Trotzdem reiste die Urlaubsverweigerin in die ganze Welt, nach Japan, Neuseeland und im Winter mit Dostojewski nach Russland. Reisen in der Zeit, im Raum, in Figuren hinein, in die man schlüpft wie in einen Reisemantel mit Fischgrät-Muster und aus denen man wieder heraussteigt mit der einfachen Geste des Buchzuschlagens.

Eine lange Weile war sie im Mittelalter unterwegs und daheim, im bunten Jahrtausend, dort in der Gestalt der mumifizierten Ratte, welche in einem Zwischenboden auf Schloss Tirol gefunden worden war – naturgemäß als jene noch quickfidel herumwuselte. Und Hannes warf ihr einen Brocken Wortbrot zu, danach machte sie sich wieder an die Arbeit und baute mit den in der Kanzlei ergatterten Papier- und Pergamentfetzen und ein paar Happen Seide ihr Nest. Etliche Jahrhunderte später verliehen ihr die Archäolog*innen einen prächtigen Orden mit Mäusezahnborte.

Meist kehrte sie aus ihrem Kopf mit leichtem Gepäck zurück, lud ihre Mama, die Hotel-Herzogin, ins Auto und erfreute die Alte Dame mit einer motorisierten Kutschfahrt durchs Urlaubsparadies Südtirol, dem der Tourismus den Wohlstand gebracht und den Hoteladel beschert hat, der seine Turniere mit Baukränen austrägt und einander übertrumpft im Schleifen und Wiederaufbauen der Bettenburgen.

Die Gedanken im Fahrtwind flattern lassend zuckte sie plötzlich zusammen. Mist, Thema verfehlt. Und beschloss die Koffer-Garde in ihrem Ruhe-Stand zu belassen, unter den schützenden Staubschichten, auf denen es sich der Kater zuweilen bequem machte. Erwecke man sie besser nicht zum Leben, mögen sie in Frieden ruhen die Taschen verstorbener Freunde, die Großmutter-, Großvater-, Großtanten-, Eltern- und Hofstaat-Koffer.

PS. All jenen Leser*innen, die in diesen Text-Koffer voller Fragmente mit Kopfschütteln blicken, darin geistig kramen und verzweifelt nach Meta-Ebenen suchen, sei verraten: Der Packesel der Erinnerung schleppt vieles mit sich herum & man hat meist mehr eingepackt als gedacht.

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Zweckentfremdet

von Waltraud Holzner

Tante Lintschi

Wien, 14. Mai 1955. Warum mir dieses Datum so genau in Erinnerung geblieben ist? Am nächsten Tag, den 15. Mai, wurde im Schloss Belvedere der Staatsvertrag unterzeichnet, der Österreich nach Krieg und Besatzung die langersehnte Freiheit brachte.

Tante Lintschi und ich sind auf dem Dachboden, um die aufgerollte, gut verpackte Fahne zu holen. Sie lehnt in einer Ecke, darunter liegt ein Koffer. Trotz einiger Beulen und einer dünnen Staubschicht präsentiert er sich mit seinen vielen bunten Aufklebern als ein edles Utensil. Auf dem Boden liegen ein paar Fitzelchen Leder.

Meine Begleiterin wirft nur einen kurzen Blick auf das Ding, um mit einem kleinen Seufzer festzustellen, dass dieses Gepäckstück ihr gehöre und sie auf vielen Reisen begleitet habe. Sofort ist meine Neugier geweckt.

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Bräutigam Nr. 1

Tante ist die jüngste Schwester meiner Großmutter, Jahrgang 1895, ein kleines, etwas kapriziöses Persönchen, ein Familienmitglied, das wir alle sehr lieben.  Lintschi war nie verheiratet. Sie hatte Pech mit Männern. Bräutigam Nr.1, ihre große Liebe, fiel im 1. Weltkrieg. Bräutigam Nr. 2 erwies sich als Schuft.

Ob ich den Koffer öffnen dürfe, frage ich. „Er ist sicher leer“, meint Tantchen. Schon beim Öffnen der Verschlüsse bemerke ich das kleine Loch in der Ecke und – war da nicht ein Geräusch? So ein Kratzen und Schaben? Tante hebt den Deckel und macht ihn sofort wieder zu.

„Da drinnen ist eine Maus!“ quietscht sie.

„Jetzt nicht mehr!“, stelle ich lakonisch fest, denn die Maus ist durch das Loch nach außen geschlüpft und in die Weiten des Dachbodens entwischt.

Nun kann der Koffer ohne Panik geöffnet werden. Er ist nicht leer. Ein dickes Bündel Briefe, säuberlich mit Spagat zusammengebunden, liegt darin. Die Maus hat augenscheinlich schon Kostproben entnommen.

„Gott im Himmel, das sind Karls Briefe!“ lässt Tantchen mit einer etwas brüchigen Stimme verlauten.

Karl. Die Nummer zwei…

Jede Woche schrieb er aus Linz seinem geliebten „Wiener Mäderl Lintschi“ einen zärtlichen Liebesbrief. Zugleich verschickte er aber auch fast identische Briefe an sein geliebtes „Salzburger Mäderl“.

Als er irrtümlich den Brief an Lintschi in das Kuvert mit der Salzburger Adresse steckte und den Brief an die Salzburgerin nach Wien sandte, kamen die beiden Mäderln dem bösen Karl auf die Schliche.

Das Mäuslein tut mir leid. Dennoch schlage ich vor eine Mausefalle zu holen und bücke mich, um den Koffer zu entsorgen. Aber Tantchen hält mich zurück: „Lass ihn da! Das herzige Mausi wird sicherlich zurückkommen, dann kann es die Briefe zernagen. Alle!“

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Der große braune Koffer

von Oswald Waldner

Er täuschte Leder vor, war aber nur aus besserem Karton, unhandlich groß, Klappe links, Klappe rechts, Griff und Schloss in der Mitte, es war zum Schämen. Meine Mutter hatte alles, was sie mir ins Studentenheim mitgeben wollte, auf dem Tisch zurechtgelegt, bange sah ich ihr beim Einpacken zu und fürchtete, der Koffer würde nicht reichen. Schon machte ich mir Gedanken, wie ich ihn vom Bahnhof ins Heim schleppen sollte. Die Mutter riet mir zu einem Taxi oder mir von meinem Freund Julian, der mich dort erwarten würde, helfen zu lassen. Mein Bruder fuhr mich zum Bahnhof, den Koffer gab ich als Begleitgepäck auf, um ihn musste ich mich vorerst nicht weiter kümmern. Nach achtstündiger Fahrt und zweimaligem Umsteigen kam ich in der fremden Stadt an. Ein Taxi brachte mich ins Studentenheim, wo mich Julian in unser gemeinsames Zimmer führte. Am nächsten Morgen bot Julian sich an, mit mir den Koffer vom Bahnhof abzuholen. Da es nicht sehr weit war, gingen wir zu Fuß. Ich nahm den Koffer entgegen und war beeindruckt von seinem Gewicht. Ich trug ihn einmal rechts, einmal links und hatte bei jedem Wechsel die Befürchtung, der Griff könnte reißen. Julian ging neben mir her. Als ich den Koffer niederstellte, die Hände ausschlenkerte und ihn auf die Schulter hob, sah ich Julian zum erstenmal grinsen. Bald musste ich den Koffer wieder absetzen und verschnaufen. Wir standen uns auf dem Gehsteig gegenüber. Ich schwitzte und Julian erzählte von Sehenswürdigkeiten, die wir uns in den nächsten Tagen anschauen wollten. Ich hatte keine Lust auf Sehenswürdigkeiten, keine Lust auf die Stadt und auch nicht auf ein Zimmer gemeinsam mit Julian, der zusah, wie ich mich abschleppte. Der Koffer wurde immer schwerer, Julians Grinsen immer boshafter. Ich war mir sicher, dass Julian, den ich bis dahin kaum kannte, nie mein Freund sein würde. In den nächsten Tagen war jeder so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass wir nichts gemeinsam unternahmen. Ich saß im Zimmer und grübelte. Was hatte Julian gegen mich? Was hatte ich ihm getan, dass ich ihm so gleichgültig war? Dann aber fragte ich mich, warum ich ihn denn nicht gebeten hatte, mir beim Koffertragen zu helfen, wie meine Mutter mir geraten hatte. Sah Julian in mir jemanden, der zu stolz war, Hilfe anzunehmen? Hatte er sich einen Freund anders vorgestellt? Tatsächlich nahm Julian sich nach einiger Zeit ein Privatzimmer irgendwo in der Stadt und wir verloren uns aus den Augen. Der große, leere braune Koffer lag bis Jahresende droben auf meinem Kleiderschrank und bildete sich wohl immer noch ein, aus echtem Leder zu sein. Ich nahm ihn genauer ins Visier: Mit den Metallklappen links und rechts, mit Schloss und Griff in der Mitte schien er die ganze Zeit ein breites Gesicht zu ziehen und auf mich herabzugrinsen.

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Junge Leute mit Koffer

Valigia_Bagna

von Nicola Bagna

Es ist Dezember 2019, und ich sehe die Dolomiten zum ersten Mal. Ein Berg überragt Corvara, der Sassongher. Weit entfernt, von Wolken umhüllt. Und vor allem einsam. Auf der anderen Seite der Col Alt. Weniger steil, auf seine Weise sanfter. Das Erste, was mir in den Sinn kommt, ist der Schnee. Aber vergessen wir die Kurven nicht: auf dem Weg nach Corvara gibt es viele Serpentinen, die hinaufklimmen, sich emporranken, sich wie ein Würmchen winden, das ein Blatt gefunden hat. Sie schaukeln glatt und holprig, wild und unsicher. Sie sind meine erste Begegnung mit den Dolomiten.
Corvara ist kalt; ich spüre die Höhe. Ich fühle mich kurzatmig, und ein wenig betäubt. Ich suche das Hotel La Perla. Ich trage einen großen Koffer mit mir.
Der Koffer. Wir sind die jungen Leute mit Koffer. Man nennt uns auf unterschiedliche Weise; meine Freunde zu Hause sagen „Saisonarbeiter”, für meine Mutter arbeite ich „Stück für Stück über das Jahr”. Niemand begreift jedoch die Entscheidung, jemand „mit Koffer” zu sein. Ich wollte schon immer im Gastgewerbe arbeiten; ich habe mir diesen Beruf immer gewünscht. Ich habe den Koffer gepackt, und jedes Mal, wenn ein Stück des Jahres verflogen ist, ist der Koffer voller geworden.
Die Berge. Die Berge und ihre merkwürdige Gegenwart. Ich schaue um mich und sehe Gipfel, schneebedeckte Spitzen. Sie sind schön wie das Leben; sie wirken hart und rau wie das Leben selbst. Ich höre die Leute sprechen. Ich verstehe sie nicht; es ist merkwürdig, eine Sprache zu hören und nichts zu verstehen. Ladinisch klingt faszinierend, geschichtsträchtig und gehört zum Alltag, denn es wird hier in den Tälern gelehrt und gesprochen. Es ist Identität, Leben, Kultur. Ich habe es mit anderen Dingen zusammen in den Koffer gelegt.
Bei der Arbeit begegne ich vielen Menschen. Viele sind Kollegen und teilen meine Abenteuer in diesem außergewöhnlichen Beruf des Gastgewerbes. Nein, ich spreche nicht von Tourismus! Es geht um Gastlichkeit; ich begrüße die Menschen, die im Haus eintreffen, ich kümmere mich um sie und darum, dass es ihnen wirklich gut geht! Sie sind nicht einfach Touristen für mich. Ich lerne viel von den Gästen und von den Personen in meiner Umgebung. Da gibt es Lebensgeschichten, die ganze Bücher kaum zu fassen vermögen: jede anders, alle verrückt, alle seltsam, keine unbedeutend. Ich hebe sie alle in meinem Koffer auf.
Manchmal flößen die Dolomiten mir Furcht ein, denn ich spüre, dass sie eine Seele haben. Sie scheinen mir Lebewesen und nicht bloß Steine zu sein. Ich begreife nun den Respekt und den Stolz der Talbewohner darauf, Ladiner zu sein.
Denn während das Meer vielen gehört und die Erde allen, so können doch nur wenige auf ein solch enges Verhältnis zu einer so schwierigen und zugleich so schönen Natur verweisen. Wenige haben eine so innige Bindung zu einer Welt, die einzigartig ist und zwangsläufig großen Einfluss auf sie ausübt.
Corvara hat mich wie ein neues Zuhause aufgenommen, mich und meinen Koffer voller „Stücke“ aus früheren Jahren. Casa La Perla ist eine Geschichte des Lebens, nicht nur jene einer Familie, die Gäste aufnimmt, sondern auch einer Familie aus zahllosen Mitarbeitern. Wir sind fast hundert, und fast alle haben wir einen Koffer. Freundschaften entstehen, auch Liebe, Ehen und Kinder. Da sind Freunde, und Freunde, die Brüder sind. Alle mit einem Koffer in unserer Unterkunft. Jeder schenkt den anderen ein Stück seiner selbst.
Ein Jahr ist vergangen; mein Koffer wird immer voller, aber ich habe noch viel Platz.

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Meine erste Reise von Schlanders nach Bozen

Koffer_Schuster

von Johanna Schuster Luther

Ich fuhr als 13-Jährige im Jahre 1947 mit dem Zug von Schlanders nach Bozen, um bei meiner Großtante für drei Jahre zu wohnen.

Ich durfte die damalige Handelsschule in der Weggensteinstraße besuchen. Einen mittelgroßen eher etwas älteren Koffer voll Kleidungsstücke und Unterwäsche trug ich mit mir. Johanna_Schuster_LutherDaheim beim Packen weinte ich ab und zu, weil mir der Koffer zu alt und zu schadhaft vorkam.

Der Koffer blieb während der ganzen Fahrt zwischen meinen Beinen. Als ich am Bahnhof in Bozen ausstieg, befand ich mich im Nu unter einer Menschenmenge, die hastig zum Ausgang drängte und mich, ohne es zu wollen, mitschob.

Als ich mich im Freien befand, auf den Stufen am Bahnhofsplatz, hielt ich inne, da mir die Stadt fremd war. Ich stellte meinen Koffer auf den Boden. Meine Großtante hatte mir versprochen mich abzuholen. Ich konnte sie nicht sehen, da sie beim Hauptausgang auf mich wartete. Ich ließ meinen Koffer auf den Stufen stehen und ging die Tante suchen.

Als ich sie endlich entdeckte, lief ich mit Freude zu ihr, um sie zu umarmen. „Wo hast du dein Gepäck“ fragte sie mich. „Mein Koffer steht auf den Stufen beim Haupteingang“ antwortete ich. „Ja Kindele hol ihn schnell sonst wird er von jemanden mitgenommen, sagte sie.

Doch mein Koffer stand noch immer auf demselben Platz. Er war wohl zu schäbig, als dass man ihn für begehrenswert hielt.

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Koffer. Ab initiis

Leo_Andergassen_Koffer

von Leo Andergassen

Ja, der Koffer. In meiner früheren Kindheit pflegte ich die stabilitas loci, diese braucht bekanntlich keinen Koffer, kein Behelfsmittel zum Transfer heimatlicher Lebensusancen. Das Leben spielte sich im Triangel ab, schlafen, essen, spielen, Reihenfolge austauschbar, wie manches andere auch. Eine Bananentasche genügte. Nun auf eine Reise kann man ohne Koffer nicht. Den gab es bei mir relativ spät, mit Sieben. Es war keine Reise um des Reisens Willen, es sollte keine Tour de force sein, nur ein biederer Verwandtenbesuch im ferneren Österreich. Nun sind derlei Abstrakta wie Österreich für eine Kinderseele nicht begreifbar. Österreich ist nicht rund wie ein Ball, bemessen wie eine Sandkiste. Österreich sprengte alles bisher erlebte, denn es brauchte dazu auch die Eisenbahn. Und an des Koffers Seite gab es bei mir auch eine der ersten Lebensängste: In den Tunnels vor Innsbruck war die Rede vom Entgleisen. Das ist existenziell, mit dem fahrbaren Haus entgleisen, mit dem Koffer ins Verderben fahren. Nein, insgeheim ließ ich es nicht zu. Der braune Koffer, aus gepresster Pappe mit einem stoffimitierenden Futter, silbrig erscheinenden Chromschließen, war das Habitaculum meiner Habseligkeiten. Die Vorstellung, wo man denn wohne, ist für Kinderseelen einerlei, man kann unter einem Tisch hausen, im Kastenversteck, ansonsten hinter tausend Wänden. Auch im Koffer? Kindermental ja. Der Koffer ist ja die Heimatgarantie in der Ferne. Mit dem Koffer Leo_Andergassenverbindet mich mein erster Ausweis, mit SW-Bild. Meine Mutter beharrte auf dem Begriff, es handle sich dabei um eine Legitimation, man legitimiere sich durch das gestempelte Bild, und dem Namenszug, den ich sowohl zu schreiben als auch zu lesen vermochte. Nun Mutter fuhr nicht mit, ich war mit meinem Onkel unterwegs. In Graz angekommen, konnte ich die einzelnen Stationen Namen aufsagen. Keine Meisterleistung, die wahre Leistung begann erst, als ich den Koffer, meinen Koffer, vom Bahnhof in Schwanberg zu einem Häuschen tragen musste, in dem das Verwandtenquartier lag, hier hauste die Schwester meiner Großmutter, die zu Unseligen Zeiten der Option sich für ein Deutschtum in Armut, Armseligkeit und Mannesabhängigkeit entschieden hatte. Ja, diese nächtliche Strapaze mit dem Koffer ist mir in Erinnerung geblieben. Das Neonlicht am Bahnhof. So stelle ich mir immer noch Kriegszustände vor. Den Koffer, den muss man schaffen, daran fährt kein Weg vorbei, und kein langer Weg wird ohne Koffer bewältigt. Nun ich weiß gar nicht mehr, ob mein frühstes Reiseutensil mich schon Wochen zuvor nach Cesenatico begleitet hatte. Aber das Meererlebnis wird hier zugunsten einer doch längeren Reise und eines Nachweises eingetauscht, historische Mogeleien inkludiert. Oder war er auch schon in Plancios/Palmschoss dabei, in einer für mich aus dem geländegängigen Flachland stammenden doch hochwäldlerisch anmutenden Gesteige, wo, wie mir damals schon vorkam, der Begriff der Palme keineswegs angebracht war? Der Koffer begleitete mich weiterhin, es waren Stepps, Kurzaufenthalte, dann wurden es Sommer bei Beherbergungsfamilien. Selbst im Trubel einer behüteten, ja beengten Welt gab es den Hauch von Reise und Weite. Ohne den Koffer klarerweise nie. Deshalb ist er in der mir eingegrabenen Materialanhänglichkeit zur Chiffre des Aufbruchs geworden. Nicht das Ziel war entscheidend, sondern allein, so würde es vielleicht Montaigne sagen, die Steinwurfstrecke, die so weit reicht, dass man den eigenen Kirchturm nicht mehr sehen kann. Der Koffer wird zum Instrumentar einer Welt, die man öffnen, aber auch zusperren und verschlüsseln kann. Dass derlei Gedanken einem nachhängen, immer noch, leistet immer noch die vergängliche Materialität eines Behelfs.

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Papas Koffer

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von Markus Westphal

Er steht immer da, neben der Schlafzimmertür. Wohl seit ich vor drei Jahren in die Wohnung eingezogen bin. Eine Rolle mit goldenem Schleifenband, für Geschenkpakete, liegt auf ihm. Muss sie irgendwann dort hingelegt haben. Papas Koffer. Berlin. Dorthin sollte er mich begleiten. „Nach Berlin geht man nicht, nach Berlin wird man gerufen.“, sagen die alten Schauspieler. Ehrlich gesagt, ich weiß gar nicht, ob es Papas Koffer ist. Ich habe meine Mutter irgendwann gefragt, ob Sie einen Koffer hätte und sie gab mir diesen. Jedenfalls sind wir irgendwie verbunden. Mein Vater, der aus Berlin stammte, der Koffer, die Stadt selbst und ich… durch ein goldenes Band. Wenn ich so drüber nachdenke, scheint es mir, wie der Bausatz eines irgendwann zu packenden Geschenkes, das ich mir wünsche. Oder wünschte? Wenn ich die Wohnung fege, sehe ich ihn und erinnere mich, warum er dort steht. Immer griffbereit. Für den Fall, dass der Anruf kommt. Aber er kommt nicht. Er wird nicht kommen. Wir sind gefangen. Wir können nicht weg. Gebunden durch ein goldenes Band. An diese Wohnung, dieses Dorf, dieses Land. – Unser Exil. Fern ab vom Kolosseum – Dazu verdammt vor der Tür zu stehen und zu warten. Worauf?
Er löst sich langsam auf. In viele Städte hat er mich begleitet. Sein hellbraunes Leder wird spröde. Ein Verschluss ist eingerissen. Im Inneren hat sich die rotweißkarierte Verschalung gelöst. Ob wir die Reise noch schaffen würden? Wir sind alt geworden. Fast meine ganzen Dreißiger habe ich dem Glanz der großen Häuser geopfert. Andere haben Familien gegründet. Häuser gebaut. Fürs Alter vorgesorgt. Mein Koffer und ich haben Regisseure abgeklappert. Gesucht. Geträumt. Gehofft. Auf ein Haus, dass uns interessiert, eine Gruppe zu der wir passen, auf Geschichten die es wert sind, erzählt zu werden. Wir sind müde geworden. „Die Zeit ist fast vertan.“, ruft der Tod den Jedermann. Beten wir den falschen Gott an? Wie das Auge von Mordor, strahlt der sich drehende Kreis durch den Nebel, hoch oben, auf dem Dach des Theaters am Schiffbauerdamm, mit seinen magisch erleuchteten Buchstaben. – Ich kann das BE nicht loslassen. Ich bin es uns schuldig. „Du machst das schon.“, sagte mein Vater immer. Ich bin mir nicht mehr sicher. Vor einiger Zeit stand ich an seinem Grab. „Was soll ich jetzt tun?“, fragte ich ihn. In diesem Augenblick flog ein Vogel vorbei… knapp über der Erde. War das seine Antwort? Sei frei?
Was sagst Du, Koffer? Willst du noch einmal gepackt werden? Noch einmal mit ihnen reden? „Aber nicht in diesem Zustand. So runtergekommen wie du bist, kann ich dich nicht mitnehmen.“, sagt der Koffer. „Du siehst auch nicht besser aus.“, antworte ich ihm „Ja, und an wem liegt das?“, „Ist schon gut, ich hab’s verstanden. Also… was machen wir jetzt?“
„Hör auf zu Saufen und zu Fressen und mit du weißt schon was. Ruf deine alte Sprecherzieherin an und bitte sie um Fernstunden.“, „Erledigt.“, „Gut. Geh laufen und wandern, mach deine Gymnastikübungen und werde fit. Vergiss allen Schnickschnack bei deinen Projekten. Fokussiere dich auf Text, Figur und Inhalt. Produziere im kommenden Jahr drei Monologe, mit unterschiedlichen Figuren und lass sie aufzeichnen, für die Bewerbung. Besorg dir einen neuen Anzug, neue Schuhe. Pflanze mindestens einen Baum, richte den Garten in groben Zügen her und am wichtigsten: Sei gut zu deiner Mutter, dann leg ich an höherer Stelle ein Wort für dich ein. Mach alles gleichzeitig und so chaotisch wie du eben bist, wie du’s in den Küchen gelernt hast, nur übernimm dich nicht. Tue zuerst nur das Nötige, dann das Mögliche und dann, das Unmögliche. Kümmere dich um Haus und Hof und reife für die große Bühne. In einem Satz: Werde ein Mann. Und ich werde das machen, was ich schon seit Jahren mache, darauf warten, das du soweit bist…“, „Ist gut Papa, ich meine, Koffer…“, „Und komm mich öfters mal besuchen…“, „Versprochen…“

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Ich packe meinen Koffer

von Carmen Schymalla – Seidner

Ich packe meinen Koffer und nehme mit … meinen Föhn, ohne den fahr ich nirgendwohin.

Ich packe also meinen Koffer für die nächste Auszeit. Kein Thema, ich bin strukturiert und weiß was ich mitnehmen will und werde.

Doch wo packe ich mein ganzes Zeug rein? Schon wieder in die schäbige Reisetasche mit dem Werbeslogan der Bank drauf? Und dann mit dem hässlichen Teil ins Hotel? Wie sieht denn das aus?

Armselig, schließlich handelt es sich um ein Hotel der Luxusklasse.

Aber was soll ich machen? Etwas Anderes steht jetzt auf die Schnelle nicht zur Verfügung, außer dem riesigen, giftgelben Hartschalenkoffer auf dem Dachboden. Allerdings, der ist erstens viel zu groß und zweitens, auch schäbig.

Es hilft nichts, die fürchterliche Reisetasche ist ausreichend für den Inhalt.

Und während ich nun meine Kleidung, Wäsche, ach ja, der Schmuck zum Lieblingskleid darf ja auch nicht fehlen, und schließlich meinen Föhn in das längst ausrangierungsbedürftige Teil verstaue, ärgere ich mich zum gefühlt tausendsten Mal darüber, dass ich es immer noch nicht geschafft habe, mir einen schönen neuen Koffer zu kaufen.

Mit meinem letzten zusammengekratzten Selbstbewusstsein checke ich also samt der verhassten alten Werbetasche im Nobelhotel ein und tue so, als ob eine Frau von Welt sich schließlich nicht über ihre Gepäcksstücke definieren muss.

Understatement ist die Devise, auf die ich in meiner Not baue. Die merkwürdig mitleidigen Blicke der Rezeptionistin versuche ich tapfer zu ignorieren. Wenn ich ehrlich bin, es ist ein Graus.

Endlich im Zimmer packe ich mein Zeug samt Föhn aus der Tasche, dabei glotzt mich der Werbeaufdruck herausfordernd an und mein Mann muss sich zum gefühlt tausendsten Mal meinen Frust über das leidige Plastikteil anhören, bevor ich es schließlich in die letzte Ecke des Schrankes verbanne, wo ich es nicht mehr sehen muss.

Schymalla_Seidner_KofferDas ist nun schon ein Weilchen her und wisst ihr was?

Inzwischen bin ich stolze Besitzerin eines wirklich schicken neuen Koffers, aus edlem Material mit etwas feinem Leder und vor allem das Emblem lässt ein wenig Luxus vermuten.

Es ist ein Geschenk meines werten Göttergatten, der sich damit vor allen Dingen selbst einen Gefallen getan hat, hat er sich doch schließlich und zu guter Letzt von meinem ständigen Lamentieren über verabscheuungswürdige Reisetaschen erlöst.

Mit dem eleganten Stück kann ich nun endlich „angemessen“ in jedem noch so noblen Hotel unauffällig einchecken.

Aber HALT. Unauffällig? – Will ich das? – Egal.

Ich liebe meinen neuen Koffer. – Die nächste Reise kann kommen …

 

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Eine Begleitaktion zur Sonderausstellung „Packen, tragen, rollen – Reisegepäck im Wandel der Zeit“ (2021)