Archiv des Autors: Evelyn Reso

Ich habe einen Koffer

Fabiano_Bressan_New_York

Foto: © Fabiano Bressan

von Bettina Conci

Ich habe einen Koffer. Er ist aus Hartplastik, leuchtend rot und hat Rollen. Ein bisschen alt ist er schon, und genau genommen ist es auch nicht mein Koffer, denn ich habe ihn geschenkt bekommen. Es ist ein guter Koffer, wurde mir gesagt, mit ein paar Gebrauchsspuren, aber noch intakt und brauchbar.

Der rote Plastikkoffer war bereits in Sri Lanka und auf ein paar griechischen Inseln gewesen, bevor er in meinen Besitz gelangte. Er hatte meine Eltern auf ihrer Hochzeitsreise begleitet und problemlos in jedes Auto gepasst. Auch war er überraschend leicht.

Unmittelbar, nachdem ich ihn bekommen habe, habe ich den Koffer weiterverliehen.

Der Amerikaner war eine Erasmusbekanntschaft. Wir hatten uns in Madrid kennengelernt und ineinander verguckt, bevor wir weiterzogen. Er nach Südkorea, um Englisch zu unterrichten, und ich zurück nach Hause, um mein Studium zu beenden. Der Kontakt blieb aufrecht, und so kam es, dass er mich einige Jahre später besuchen kam, mit nichts als einem Karton mit seinen wichtigsten Habseligkeiten im Gepäck und dem schalen Geschmack einer vergangenen Liebe behaftet. Die Erwartung hielt der Wirklichkeit nicht stand und ich es nur drei Tage mit ihm aus. Der schäbige Karton mit seinen Sachen zerfiel vor unseren Augen wie das Bild, das wir voneinander gehabt hatten.

Am Bahnsteig wartete ich ungeduldig, bis der Zug Richtung Mailand Malpensa um die Ecke gebogen und der rote Koffer nicht mehr zu sehen war. Dann atmete ich auf.

Ich habe einen Koffer. Er ist aus Hartplastik, leuchtend rot und hat Rollen. Darin liegen einige alte, löchrige T-Shirts und ein Paar elegante Schuhe, ein Stapel Englischbücher und ein Rasierapparat. Und ein paar verstaubte Erinnerungen.

Ich habe einen Koffer. Er steht jetzt in New York.

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Eine Begleitaktion zur Sonderausstellung „Packen, tragen, rollen – Reisegepäck im Wandel der Zeit“ (2021)

Der rote Koffer

Koffer_Kater_Crepaz

von Gabriele Crepaz

Wir teilen uns einen Koffer. Ein kleines Ding von der Art einer Reise-Bonbonniere, zweifellos als Einzelstück gedacht für einen Einzelmenschen. Großspurig könnte es als Beauty Case durchgehen, wie es einem zufälligen Reisegefährten einfiel, als er fragte: „Und wo ist der Koffer mit Ihren Kleidern?“ Ein leuchtend roter Fleck, den ich damals hinter mir herzog, neu auf schnurrenden Rollen, heute ausgeleiert vom Gewicht des Reisens, in der Begleitung fremder Koffer aufgerieben und angeschmiert vom Aufkleber einer penetranten Fluggesellschaft. Erbeutet und zerbeutelt.

Der Koffer gehörte mir, als ich ihn erwarb. Allein mir. Er war meiner, als ich ihn heimtrug, auch noch im Stiegenhaus und als ich ihn in der Wohnung abstellte. So lange bis ich im Schlafzimmer den Deckel aufschlug. Ich sah ihn, wie er um den Koffer herumschlich. Anstandshalber wartete er, dass ich meinen Pyjama hineinlegte. Dann faltete er seidig seinen Körper darüber. Niedlich, dachte ich noch, obwohl er mich gleichgültig fixierte, aus seiner Thronhaltung, als ich mit Strümpfen und Unterwäsche vor ihm stand. „Hau ab“, sagte ich streng. „Niemals“, er. Spinner!? Mir egal! Nun? Nein! Ein neuer Machtkampf? Schlimmer: Ich spielte den Clown, er war die Sphinx.

Als er endlich aufstand, gehörte der Koffer ihm. Seine Trophäe roch streng und dunkel und nass aus den Streifen meines Pyjamas. Ich fluchte. Er zog powackelnd ab.

Das Duell war entschieden. Ich besitze den Koffer. Er besetzt ihn. Auf immer. Kein Putzalkohol hilft, wenn es darum geht, den Schiedsrichter im Gehirn zu überlisten. Er hat seine Marke gelegt. Nichts Beschreibbares, nur eine Nasensache mit direktem Draht zum Limbischen System. Egal wie lang eine Reise auch sein mag, egal, welche Düfte ich mitbringe, der Koffer riecht ihm vertraut.

Jede Begrüßung nach meiner Rückkehr ist eine Farce, die er mir zuliebe mitmacht. Denn er war sich die ganze Zeit über meines Koffers sicher.

Es ist Rache, denke ich. Von einem, der sich kaum traut, die Treppen hinunter ins Freie zu laufen. Der sich im Haus verschanzt und nur den Sprung aufs Dach wagt, wo er sich mit den Krähen streitet und diesen feindselig nachsieht, wenn sie zurück in den Himmel fliegen. Der vom Fensterbrett aus beobachtet, wie sich unter ihm die Welt bewegt.

Er lässt reisen und erschnuppert die Welt aus den Gerüchen, die mit dem Koffer zurückkommen. Während wir so tun, als zögen wir mutig in die Welt hinaus, dafür jedoch in den Koffer die Vertrautheit von zu Hause einpacken, um uns draußen nicht verloren zu fühlen. Das Nest für unterwegs. Der Geruch der kleinen in der großen Welt. Und es fällt uns im Traum nicht ein, einen fremden Koffer vom Band zu ziehen. Den Geruch eines anderen. Pyjama, Parfüm, Pissspuren. Wir warten, bis der eine Koffer kommt.

Mein Koffer. Der schöne Schein ist alles. Neuerdings klappe ich den Koffer zu, während ich packe. Oder sperre den Besetzer aus dem Zimmer, wenn ich mich anschicke zu verreisen. Das wirkt. Bis ich den Koffer im Hotel öffne und ein rotblondes, drei Zentimeter langes Haar auf meinen schwarzen Sachen finde. Und noch eines. Und noch ein weiteres.

Wir teilen uns einen Koffer. Mein Kater und ich.

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Nur Fliegen ist schöner

Robert Asam

Von Robert Asam

So etwas kann nur jemand behaupten, der noch nie als Gepäckstück durch die Welt geflogen wurde. Ich hasse Flugreisen! Bitte, verstehen Sie mich nicht falsch, aber masochistische Instinkte waren bei mir noch nie besonders ausgeprägt. Ich halte als Hartschalenkoffer einiges aus. Ich bin kein Weichei. Aber wer lässt sich schon gern andauernd durch die Gegend werfen. Das fängt schon damit an, dass mich mein Besitzer so schnell es geht meinem Schicksal überlässt. Dann stehe ich auf einem Laufband, das die blöde Angewohnheit hat, ruckartig anzufahren, und sofort um die Ecke zu biegen. Ich weiß, dass das kommt, aber ich kann nichts dagegen tun und falle auf die Schnauze. Schnauze ist vielleicht übertrieben, aber es haut mich mit voller Wucht zur Seite. Anschließend werde ich durch irgendwelche dunklen Schächte oder Rohre befördert, auf einen Transporter geworfen, um dann nach kurzer Zeit erneut auf einem Förderband zu landen. Andauernd packt mich irgendein grober Klotz und zerrt und reißt an mir herum. Dann verbringe ich Stunden in einem stockfinsteren Frachtraum, womöglich in Gesellschaft eines Rucksacks, der noch nie ein Stück Seife gesehen hat, muffigen Taschen und eingedrückten Pappkartons. Möchten Sie in solcher Gesellschaft reisen? Mit etwas Glück liege ich halbwegs bequem, aber häufiger ganz unten. Zum Glück habe ich eine harte Schale. Wenn es wieder hell wird und ich frische Luft bekomme, beginnt die ganze Prozedur von vorn, natürlich in umgekehrter Reihenfolge.Robert Asam Koffer„Wer eine Reise tut, der kann was erzählen“, haben meine Vorfahren gesagt. Die hatten leicht reden, wurden sie doch von höflichen Dienstboten mit Samthandschuhen angefasst, vorsichtig dahin oder dorthin gestellt, auf ein Schiff getragen oder in ein nobles Hotelzimmer. Von einigen weiß ich, dass sie die gesamte Reise auf dem Auto festgeschnallt waren und den Fahrtwind und die Aussicht genießen konnten. Aussicht? Keine Ahnung, was das ist. Und herumgetragen hat mich auch noch niemand! Meistens werde ich gerollt, fast immer von gestressten Menschen, die sich nicht einmal die Mühe machen, mir das Treppensteigen zu ersparen. Bumm, zack, Bumm, zack! Und dann wundern sie sich, wenn meine Rollen das nicht aushalten. Als Koffer kannst du dich gegen solche Umgangsformen nicht wehren. Einmal habe ich mein Nummernschloss verstellt, ohne dass es mein Besitzer bemerkt hat. Daraufhin hat er mit einem Taschenmesser so lange an mir herumgestochert, bis ich nachgegeben habe. Und wissen Sie, was das Absurdeste an einer Flugreise ist? Niemand garantiert mir, dass ich am Ende dort ankomme, wo mein Besitzer auf mich wartet. Gerade drehe ich wieder unzählige Laufbandrunden in…, ja, wenn ich das wüsste. Jedenfalls ist niemand da, der mich abholt. Ganz unter uns, ein bisschen Schadenfreude verspüre ich jetzt schon, wenn ich daran denke, dass mein Besitzer ganz woanders auf mich wartet. Das hat er nun davon. Und ich? Ich habe auch nichts davon, denn bald kommt ein grober Heini, packt mich, wirft mich auf einen Gepäckwagen, und dann geht es mit dem nächsten Flieger wieder zurück. Drücken Sie mir die Daumen, dass der Zielort diesmal mit dem Reiseziel meines Besitzers deckungsgleich ist. Soll mir noch jemand sagen, nur fliegen ist schöner! Von wegen.

 

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Ich packe meinen Rucksack und nehme mit…

Marlene_Lobis

von Marlene Lobis

Diese Reise ist meine erste große Backpacking-Reise, mein „Pukkanakka-Projekt“: Pukkanakka bedeutet im Südtiroler Dialekt etwas Schultern, am Rücken tragen – wie eben den Rucksack. Als ich meinen Rucksack gepackt habe, lautete die Devise, nur das Nötigste mitzunehmen. Für mich als Backpacking-Anfängerin war es ein kompliziertes Unterfangen, meinen Rucksack für eine mehrmonatige Reise zu packen. Ich habe unzählige Pack-Listen von erfahrenen Weltreisenden verglichen und mich strikt daran gehalten. Einige Dinge hat mittlerweile der Wäscheservice geschluckt, einiges hätte ich daheimlassen können, aber prinzipiell bin ich mit dem Inhalt meines Rucksacks zufrieden.

Doch nicht für alles gibt es Checklisten. Neben den fast 15 Kilo, die ich in meinen Rucksack gepackt habe, schleppe ich auch meinen unsichtbaren Rucksack mit: Meine Träume und Wünsche, meine Vorstellungen und Erwartungen, meine Leidenschaften und Laster. Wer ich war, wer ich bin und wer ich sein will. Ich bin überzeugt, dass man auf Reisen viel lernen kann. Nicht nur über andere Menschen, Kulturen, Länder, auch über sich selbst. Alle paar Tage an einem anderen Ort zu sein, das heißt auch: Ich kann viele verschiedene Versionen von mir zeigen. Außerdem habe ich jede Menge Zeit, um über das Leben im Allgemeinen und mich selbst im Speziellen nachzudenken. Besonders auf all den langen Busfahrten.

Nein, ich bin auf keinem Selbstfindungstrip. Jedoch weiß jeder, der ab und zu allein reist: Das ist gut für ein gewisses Maß an Psychohygiene. Ich mag das. Aber ganz ehrlich: Ich bin ziemlich schockiert darüber, dass ich meinen inneren Unruhehund auf diese Reise mitgebracht habe. Der stand auf keiner Liste. Hand aufs Herz, wir kennen sie doch alle, diese inneren Dämonen: das Engelchen und das Teufelchen, den Faulpelz, das verängstigte Häschen, den inneren Schweinehund … Während meiner Reise taucht allerdings immer wieder dieses neue Gefühl auf: Ich nenne es „meinen inneren Unruhehund“. Und der hüpft wild herum, will alles sehen, erleben, Sachen machen. Dabei will ich absolut keine „Been there, done that“-Touristin sein, alles schnell abklappern, damit ich es von meiner „Bucket List“ abhaken kann.

Doch wenn im Hostel ein anderer Backpacker fragt: „Warst du denn schon in …“, dann fängt der innere Unruhehund an, fröhlich mit dem Schwanz zu wedeln, beim Kommentar: „Das ist voll die krasse Erfahrung“ oder „ein MUST SEE“ springt er aufgeregt in die Luft und schlägt Purzelbäume, will am liebsten sofort losstarten.

Diese Reise soll eine Auszeit sein, die nur mir gehört. Ich habe lange davon geträumt und kein Rückflugticket gebucht. Im Grunde habe ich alle Zeit der Welt. Ich könnte mich einfach in die Hängematte legen und drei Tage lang schlafen, wenn mir danach ist. Das sage ich mir immer wieder. Doch da ist eben dieser unsichtbare, hyperaktive Köter. Ich bin im Urlaub – und gestresst.

Es gibt ihn, den Reise-Burnout. Dahin will ich nicht, eh klar. Nur frage ich mich: Wie überwinde ich meinen inneren Unruhehund? Yoga? Ein Besuch beim Schamanen? Mein unsichtbarer Rucksack wiegt mehr, als ich dachte. Und ich bin erstaunt, dass ich dieses Stressvieh nicht in die Ecke schicken kann, zum „Platz“ machen. Vielleicht war dieses innere Hündchen schon vor der Reise da, aber blieb brav in seinem Körbchen. Oder ich hatte einfach in der Arbeit so viel zu tun, dass es immer zufrieden war? Jetzt, auf dieser Reise, habe ich diese Unruhe erstmals so richtig gefühlt. Und es kostet mich viel Kraft, damit umzugehen. Sobald ich mich auf die Couch lege oder in ein Café setze und mir vornehme, mal nichts zu tun (und auch nichts zu planen!), pieselt mir mein innerer Unruhehund ans Bein. Er will Gassi gehen, was erleben. Und was mache ich? Ich hole die Leine und wir gehen los.

Marlene Lobis (Textauszug aus einer Kolumne, entstanden während einer 9-monatigen Rucksackreise durch Südamerika im Jahr 2016)

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Mein Praktikum

Am 18. Februar des heurigen Jahres begann ich als Praktikant im Schloss Trauttmannsdorf beim Touriseum zu arbeiten. Von Anfang an ging es steil heran und ich musste gleich mehrere Treppen besteigen bevor ich im Büro ankam.

Ich wurde unmittelbar sehr freundlich von allen Mitarbeitern und meinen zukünftigen Arbeitskollegen begrüßt und positiv willkommen geheißen. Dadurch dass das Museum für Besucher und Touristen geschlossen war, hatte ich mehrere detailliertere Einblicke hinter den Fassaden des Schlosses, welches echt faszinierend ist und konnte einiges über die Geschichte und Hintergründe Merans und des Schlossmuseums erfahren und ein bisschen hinter den Kulissen stöbern.

Die meiste Zeit war ich in der Bibliothek, welche sehr tiefgründig ist und breitflächige Themen beinhaltet. Dort nahm ich verschiedene kleine Arbeiten an, wie z.B. Bilder sortieren, alte Bücher und Reiseführer verräumen oder ich musste Daten in Excel Tabellen eingeben. Die Arbeiten waren sehr ergiebig und vielfältig, ich war unter anderem auch im graphischen Bereich tätig, indem ich Schilder oder Buttons für die Ausstellungen vom Museum hergestellt habe.

Ich möchte mich nochmals ganz herzlich bei meinen Mitarbeitern bedanken, die stets freundlich waren und mir immer ein gutes Gefühl vermittelt haben.

Ganz besonders möchte ich mich bei meiner Tutorin, Ruth Engl für ihre Unterstützung und Hilfe bedanken.

Moritz, Schüler des Sprachengymnasiums Meran 4.B

Mein zweiwöchiges Praktikum im Touriseum

Am Montag, den 19. Februar startete ich mein zweiwöchiges Praktikum im Touriseum. Bevor ich im Büro ankam, musste ich erst die steile Auffahrt hinaufgehen. Vom Büro aus hatte ich dann eine wunderschöne Aussicht über Meran und das Etschtal.

Meine Aufgaben im Touriseum waren abwechslungsreich und sehr interessant. Ich musste z.B. Buttons erstellen und Adressen aus einem alten Adressbuch von 1894 in einer Excel Tabelle anlegen. Das war sehr interessant und ich fand viel über die Geschichte von Meran und Umgebung heraus.

Die zwei Wochen vergingen wie im Flug und ich möchte mich herzlichst bei den freundlichen Kollegen bedanken, die stets sehr freundlich, hilfsbereit und bereit zu helfen waren.

Und ganz besonders möchte ich mich bei Frau Engl Ruth bedanken, die mich in dieser Zeit betreut und mir bei Problemen stets geholfen hat.

Leah Reiterer

Rezension zur Sonderausstellung „Auf die Pässe, fertig, los!“

„Auf die Pässe, fertig, los!“ hieß es in der Saison 2017* im Touriseum. Die Sonderausstellung in der Remise von Schloss Trauttmansdorff drehte sich ganz um die touristische Eroberung der Alpenpässe. Der Europäische Ethnologe Dieter Kramer hat die kurvenreiche Passstraße ins Touriseum erklommen und eine Rezension dazu verfasst.

* Die Sonderausstellung “Auf die Pässe, fertig, los!” wird auch in der kommenden Saison von 30. März bis 4. November 2018 gezeigt!

 

“Starke Gefühle”, Tourismus in der Prosperitätsgesellschaft und globale Krisen

Dieter Kramer

Zweirad und Auto sowie der Tourismus stehen im Vordergrund, wenn im späten 19. und im 20. Jahrhundert Alpenpässe zu autogerechten Straßen ausgebaut werden. Sie sind wichtiger als militärische Interessen und Handel. Am Beispiel von Südtirol wird erkennbar, wie mit dem individuellen Mobilitätstourismus der Pass-Übergang mit inszenierter Landschaft „starke Gefühle“ hervorruft und zum Erlebnis wird. Die Entwicklung der Verkehrsmittel vom Fahrrad zum Auto sowie die Infrastruktur von Straßen und Beherbergung verändern Lebensweise und Regionen. Das südtiroler Touriseum in Meran regt mit einer Ausstellung über die Passstraßen dazu an, nachzudenken über positive und negative Auswirkungen des Tourismus. Wie der Tourismus in Strategien der sozialökologischen Transformation der Lebenswelt in Richtung auf Nachhaltigkeit eingefügt werden kann, wird in der aktuellen Tourismuswissenschaft nur unzureichend reflektiert… Weiterlesen

150 Jahre Brennerbahn

Keine Blasmusik, keine Festreden, kein Böllerschießen: Ohne jede Feierlichkeit ging am 24. August 1867 die Brennerbahn in Betrieb. Im Juni war in Mexiko Kaiser Maximilian, ein Bruder Franz Josephs, erschossen worden. Österreich befand sich in Hoftrauer. Auf die Eröffnung der Brennerbahn wies deshalb nur ein schlichtes Zeitungsinserat der Südbahngesellschaft hin.

200 Tote für 125 Kilometer

Beim Bau der Bahnlinie über den Brenner waren 20.600 Arbeiter beschäftigt, ca. 14.000 kamen aus Italien. Sie lebten in Baracken entlang der Strecke. Die Arbeit war extrem schwer, die Ernährung mangelhaft, für die Sicherheit wurde wenig getan. Die Zahl der Todesfälle an der Brennerstrecke wurde auf über 200 geschätzt, genaue Zahlen gab es nie.

Zwei Schleifen als Attraktion

An der Brennerbahn wurde, wo immer es möglich war, auf teure Stützmauern und aufwändige Viadukte verzichtet. Mit nur 22 Tunnels und zehn Brücken kostete sie nur halb so viel wie die Semmeringbahn. Zur Überwindung der Höhendifferenz wurden an der Nord- und Südrampe zwei lange Schleifen eingezogen. Diese Kehrtunnel bei St. Jodok und im Pflerschtal galten als technische Sensation.

Ein teures Vergnügen

Dank der kürzeren Fahrzeiten war das Reisen im Zug zwar preisgünstiger als in der Kutsche. Doch auch das Vergnügen der Bahnreise konnten sich nur Wohlhabende leisten. Eine einfache Fahrt II. Klasse von Innsbruck nach Bozen kostete fünf Gulden – den Wochenlohn eines Arbeiters.

Soirées dansantes im Deuster-Saal

Dieser Festsaal entstand 1898/99 durch die anspruchsvolle Erweiterung des Osttraktes des Schlosses unter Friedrich von Deuster aus Bayern (Schlossbesitzer ab 1896/97) und wurde in neubarockem Stil ausgestattet, mit einem porphyrverkleideten Kamin und Stuckornamenten. Die Eckputten auf dem Gesims unter dem freskierten Spiegelgewölbe, die durch ihre Attribute die Schönen Künste symbolisieren, bezeugen immer noch von den amüsanten Soireen, die hier stattgefunden haben müssen und von denen in der Presse des frühen 20. Jahrhunderts berichtet wird, dass sie manchmal um 9 Uhr begannen und erst nach 2 Uhr endeten. Alles in diesem Saal weist auf die Lebensfreude hin: Eine der Amoretten beobachtet zufrieden ihr eigenes Spiegelbild, eine andere spielt mit gekreuzten Beinen Flöte, eine weitere spielt heiter die Äolsharfe, während die letzte, ihre Füße fröhlich bewegend, Pinsel und Palette in den Händen hält. Weitere Putten auf dem Gesims in der Mitte, zwei pro Längsseite, schwingen paarweise ein herabhängendes Blumen- und Blätterband. Das Ganze wird von dem zentralen Fresko des Apollon mit den Grazien zur Vollendung gebracht.

Das Echo der einstigen Musik- und Dichtungsabende hallt noch in diesem jetzt fast leeren Raum. Heute beleben ihn  Museumsbesucher und Museumsbesucherinnen.

Francesca Taverna

Das Morgen von gestern – Zukunftsvision einer Reise nach Meran

Ein von der Meraner Zeitung unter dem Titel „Meran in zehn Jahren“ abgedruckter Brief von 1907 bringt uns zurück in die Zukunft. Er zeigt, wie sich ein Reisender Meran vor genau 100 Jahren vorstellte – sein Morgen ist unser Gestern.

Meraner Zeitung vom 14. April 1907

Verfasst im Jahr 1907, berichtet der anonyme Reisende von „wesentlichen Veränderungen“, die zehn Jahre später „den Reiz des früher schon so schönen und der Gesundheit zuträglichen Meran noch erheblich gesteigert“ hätten: Von Berlin aus ist Meran bequem mit der Eisenbahn zu erreichen – durch einen fünf Kilometer langen Tunnel unter dem Jaufen hindurch und dann durch den Küchelberg zum Meraner Bahnhof. Damit die Bahn die extremen Höhenunterschiede zwischen Sterzing und St. Leonhard überwinden kann, wird sie elektrisch betrieben. Die Kraft dazu wird aus einem gewaltigen Elektrizitätswerk gewonnen, für das man die Passer direkt oberhalb der Gilfenklamm mit einer 40 Meter hohen Mauer aufgestaut hat. Von dieser aus bietet sich ein herrlicher Blick auf den künstlichen See, der von Motor- und Ruderbotten belebt wird und noch dazu zu einer Verbesserung der Luftfeuchtigkeit in der Kurstadt beiträgt.

„War Meran schon früher schön“, schreibt der anonyme Verfasser, „so hat es verstanden, sich nicht nur auf der Höhe zuhalten, sondern sich den gesteigerten Ansprüchen der Neuzeit und der Erholungsbedürftigen anzupassen.“

Inv. Nr. 4080943, Sammlung Touriseum

Eine Zukunftsvision, die sich möglicherweise sogar bewahrheitet hätte, wäre da nicht etwas ganz anderes dazwischengekommen. Hätte der Reisende Meran im Jahr 1917 besuchen wollen, so wäre ihm das nicht einmal erlaubt worden. Der damalige Bürgermeister, Josef Gemaßmer hatte nämlich in genau diesem Jahr verordnet, dass nur mehr in Meran Ansässige die Kurstadt betreten durften. Denn Meran war zu einer Lazarettstadt geworden und die Lebensmittel wurden knapp. Die Einheimischen sahen nicht länger ein, warum sie für ihr Essen anstehen mussten, während den in den Meraner Hotels verbliebenen Kurgästen immer noch Speisen aufgetischt wurden.

… Erster Weltkrieg anstatt Bootsfahrten auf der Passer…

Ausstellungskatalog, erhältlich im Touriseum

(Mehr über den Tourismus im südlichen Tirol während des Ersten Weltkriegs gibt’s in unserem Ausstellungskatalog „Tourismus & Krieg“.)