Der lila Koffer

von Henrike Steiner

Sie sind fast immer schwarz, die Koffer, die auf den Laufbändern der Flughäfen herummäandern.

Koffer_SteinerNa warte! hatte ich mir gedacht und mir für die anstehende Flugreise in das ferne asiatische Land einen knall-lila Flugkoffer zugelegt . ..

Wir brachen also mitten in der Nacht zum Flughafen München auf, um von dort nach vielen langen Flug-und Wartestunden endlich – schon recht mitgenommen von der Reise – in dem heißen, bunten Zielflughafen anzukommen.

Nun galt es nur noch sich der Koffer zu bemächtigen, um sich dann ins Abenteuer stürzen zu können. Aber o je !, was war mit meinem – wirklich sofort gut sichtbaren- lila Koffer passiert !? Er war ja kaum wieder zu erkennen, so ramponiert war er, nur notdürftig mit einem Spagat zusammengehalten.

Nun, nach dem ersten Schreck galt es zu handeln: unser kundiger Reiseleiter begleitete mich zur Beschwerdestelle, und wir füllten alle notwendigen Formulare aus, fotografierten das corpus delicti und unternahmen so alle Schritte, damit die Versicherung sich meines verletzten Koffers annehmen konnte.

Da kam plötzlich eine Gruppe aufgeregter einheimischer  Frauen  auf uns zugestürzt und überschüttete uns mit einem Schwall uns unverständlicher Worte …Allmählich wurde klar, dass sie es auf meinen armen lila Koffer abgesehen hatten..
Eine der Frauen machte schließlich verständlich, dass sie gar Besitzansprüche auf meinen zwar lädierten, aber doch einzigartigen lila Koffer anmeldete !

Nun, um es kurz zu machen : nach einigem Hin und Her schaute ich doch noch mal auf dem Gepäcklaufband in der Halle nach : und sieh da, da drehte ein glänzend neuer einsamer lila Koffer seine Runden und wartete auf seine Besitzerin…..

PS (und Übringens): Es wär ja interessant gewesen, zu sehen, was in so einem fremdländisch-exotischen Koffer alles drin ist ..

Ich war aber  letztendlich doch sehr froh, meinen lila Koffer samt nützlichem Inhalt wieder zu haben …

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Eine Begleitaktion zur Sonderausstellung „Packen, tragen, rollen – Reisegepäck im Wandel der Zeit“ (2021-2022)

Reisen mit Stab, Stift und Segelleinen

Koffer_Klotz

von Petra Seppi

Ich bin’s, Kuli. Bis 1967 war ich der Treueste aller Begleiter von Benediktinermönch und Erzabt Petrus Klotz auf seinen Weltreisen. Allein von 1912 bis 1916 schaffte ich 200.000 km durch Afrika, Asien, Ozeanien, Nord- und Südamerika. Nochmal „200.000 km auf einer einzigen Reise.“ Unzählige weitere Reisen folgten. Alle aufzuzählen würde allein schon das Touriseum füllen. Werft daher einen Blick auf meine Weltkarte und erahnt, was ich alles Petrus_Klotz_Reisekarteerleben durfte. Aus Büchern wie „An fremder Welten Tor“, „An der Erde Rand“, „Rund um Meere und Menschen“, „Mein Weg durch die Völker“, „Mit Stab und Stift“ lässt sich mein Leben genau nachvollziehen.

Denn mein Herr, Petrus, war nicht nur außerordentlich reiselustig und wissbegierig. Er war auch klug genug, aus seinen Reisen Profit zu schlagen. Verlage finanzierten seine ausgiebigen Fahrten und so lassen sich unsere Erlebnisse in Zeitungsberichten und Büchern nachlesen.

Meeressalz, Wüstenstürme, arktische Kälte und tropische Hitze konnten mir auf diesen abenteuerlichen Reisen nichts anhaben, denn mein Holz war mit Eisenscharnieren und Segelleinen gesichert.

Das Schönste an den Reisen waren Petrus‘ Begegnungen mit den Menschen. Er leitete seine Bücher mit dem Gruß „Allen Freunden von Natur und Kunst, Humor und edlem Menschentum“ ein. Petrus selbst liebte Natur, Kunst, Humor und er war ein edler Mann. Als scharfer BeobacFoto_Petrus_Klotzhter fand er schnell Freunde und Anschluss in fremden Ländern und leitete aus seinen Wahrnehmungen und Gesprächen das Befinden des Volkes ab und wagte einen Blick in die Zukunft. Seine Einschätzung zu China etwa lautete „Gelingt es, zur Volkskraft des Ostens noch die Technik des Westens zu erringen, dann hat sich China zur höchsten Kraftentfaltung gesteigert und greift mit ins Zeitenrad …“. Damals war China an einem Tiefpunkt seiner Geschichte und keiner konnte die spätere Entwicklung erahnen. Heute wissen wir, zu was China fähig ist.

Mein persönliches Schicksal aber war seit dem Tod von Erzabt Petrus Kotz 1967 bescheiden. Zuerst fristete ich in einem Kellereck mein Dasein. Erst 2000 wurde ich endlich entdeckt, abgestaubt und aufgerichtet und heute darf ich als Couchtisch die Welt durch die Erzählungen von Gästen und die Worte der Zeitungen, die auf mir ruhen, erleben. Es ist kein Erleben wie früher, so direkt und unverblümt. Aber es entspricht wohl meinem Alter und dem Zeitgeist: wer braucht in Zeiten von Ryanair schon einen Koffer, der alleine schon mehr wiegt, als es Fluglinien erlauben?

Koffer_Klotz_innenWeil es mein Herz so rührt, verrate ich Euch zum Schluss etwas ganz Persönliches. Petrus Klotz hatte einen Lieblingsplatz. Wann immer es seine Pläne erlaubten, kam er an seinen Geburtsort Kaltern zurück, spazierte Richtung Altenburg und blickte zum Kalterer See (noch heute steht an dieser Stelle das nach ihm benannte „Klotzbankl“). Auf diesen Spaziergängen durfte ich nie mit Petrus mit, doch heute, in meinen alten Tagen, stehe auch ich an einem Ort, von dem aus ich die Tages- und Jahreszeiten am Kalterer See beobachten darf! So nehme ich meinen über 50 Jahre währenden Lockdown mit Gelassenheit an und danke Erzabt Petrus Klotz für all die Erlebnisse, die mir keiner mehr nehmen kann.

 

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Wos hosch denn dou fir an Kuufr?

von Lena Adami

Adami_Koffer01Zwei Jahre waren wir schon ein Paar, der Lois und ich, als ich nach 28 Jahren Bayern wieder nach Südtirol zurückkehrte. Jedes Wochenende kam der Lois aus Rosenheim zu mir nach Meran auf Besuch. In meinem Schrank hingen seine „Meraner Hemden“, lagen seine Pullover aus feiner Merinowolle, wenn nicht gar aus Kaschmir. Ein Borsalino harrte auf sein „Künstlerhaupt“ und feinste Mokassins kleideten seine Füße, wenn er mit mir durch die Meraner Lauben schlenderte. Für mich damals ein toller Mann, so ein Typ zwischen Curd Jürgens und John Wayne. Charmeur und Abenteurer. Eine Mischung genau richtig für mich!  Jedes Wochenende also ein Wiedersehn. Ein Mann für schöne Stunden. Genau richtig für mich.

Dann vergingen plötzlich 14 Tage, bis er wieder daher brauste. Das tägliche abendliche Liebesgeflüster reduzierte sich auch plötzlich auf „Bussi, Bussi! Gute Nacht!“ Was? Und das mir?  „Weißt du Lois, wir können’s auch lassen, wenn wir uns nichts mehr zu sagen haben“. Der Lois gab mir Recht und verschwand in gutem Einvernehmen aus meinem Leben.

Seine „Meraner Hemden“, die Pullover, den Hut und die Schuhe packte ich in einen gelblich braunen Lederkoffer. Und ab in den Keller. Lederkoffer? Es war noch zu Hause auf dem Dachboden gestanden, wohl schon zwanzig Jahre alt.   Wenn man ein bisschen am „Leder“ kratzte, schälte es sich wie Löschpapier. Immerhin in den Sechziger Jahren war der schon ganz edel. Sicher zwei Jahre lang ruhten die Klamotten vom Lois in meinem Keller.

Wos hosch denn dou fir an Kuufr?

fragt mich eines Tages meine Schwester Rosa.

Funn Lois sem.

Woss willsch denn mit denn?

Vielleicht konnr nou eppes brauchn. Ess sain gonz faine Sochn, woasch!

Schpinnsch!? Woss willsch denn dess Zuig auhebn? Wennr eppes braucht, norr soll er sichs lai kaafn!

Die Marlene, die Dietrich, hatte noch einen Koffer in Berlin. Der Lois, mein Geliebter aus Rosenheim, hatte seinen noch bei mir in Meran. Allerdings wusste er nichts davon. Und so erhielt die Caritas den Koffer aus Lederimitat mit den Designer-Klamotten vom Luis.

P.S.

5 Jahre später. Die italienische Post bringt eine Briefmarke heraus. Eine Sondermarke mit dem   Meraner Kurhaus. Genau richtig für den Lois, den Briefmarkensammler und Südtirol-Fan. Also eine Postkarte nach Rosenheim. Der Lois kommt wieder nach Meran. Nunmehr als Freund. Und wir gestehen uns: Ulrike, eine frühere, junge Geliebte war damals aus Amerika zurückgekehrt. Und die Liebe zu ihr war wieder aufgeflammt. Der Rudy, meine erste Liebe, hatte mich zur selben Zeit nach 33 Jahren gesucht und auch gefunden.

So klärte sich nun unser gutes Einvernehmen am Ende unserer Liebschaft auf.

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Koffer mit Aufkleber

von Herta Waldner, Hausmuseum Villa Freischütz Meran

Koffer_FreischützAufwendige Koffer in Rohr, Holz, Korb und Leder gab es zuhauf beim Sichten des Fundus im Hausmuseum Villa Freischütz in Obermais. Ein schlichter, sehr leichter Hartschalenkoffer „Typ Zwanziger Jahre“ entging deshalb unserer Aufmerksamkeit bis zum 8. November 2018. Ein weißer, runder Aufkleber mit der Notiz „WAEPANAERT Galaanzug“ ließ uns dann doch den Deckel lüften.

Zum Vorschein kam eine Galauniform mit üppig goldbestickter Hose samt Uniformjacke, ein leicht zerzauster Zweispitz mit Straußenfedern mit goldenem Emblem der Manufaktur J.B. Dubois & Fils Bruxeles- Fabrique de Coiffures e Passemonteries Militaire.

Koffer_Freischütz2Die Familie Fromm, selbst als Kurgäste 1905 nach Meran gekommen und seit 1922 in der Villa Freischütz Zuhause, kann man kosmopolitisch nennen: Peru, Göttingen, Barcelona, Paris. Alle Mitglieder waren mehrsprachig, davon zeugen antiquarische Bücher, Tagebücher und die Korrespondenz, aber so ein nordischer Name stach uns selten ins Auge. Vage erinnerte ich mich an ein sehr schönes Weihnachtsbillet von einer gewissen Carmen de Waepanaert, Xmas 27. Ihr Vater war Exminister von Belgien, Generalkonsul von Havanna, Chevalier vom Leopoldsorden… – als Kurgast nach Meran gekommen mit seiner spanischen Frau Dolores G. de Roig und Tochter Carmen, logierte er ca. 10 Jahre im Palast Hotel.

Beim Recherchieren der digitalisierten Zeitungen der Tessmann Bibliothek wurden dann die Todesanzeige und zwei Zeitungsnotizen aus dem Februar 1922 bezüglich eines belgischen hohen Militärs, Chevalier Charles Gustave Louis Philippe Waepanaert de Termiddel Erpe, gefunden.

Koffer_Freischütz3Als letzter Puzzlestein der detektivischen Kleinarbeit kam der Zufall hinzu. Tage zuvor – zu Allerheiligen – beim Studieren der Grabsteine der Gruften im Untermaiser Friedhof unter den Arkaden – derselben Reihe, wo auch der Grabstein der Familie Fromm Y Hilliger zu finden ist – fiel mir ein sehr schöner Grabstein auf. Direkt neben John Lowson Stoddart, dem amerikanischen Wahlmeraner. Auffallend auch wegen des nicht sehr ortstypischen, zungenbrecherischen Namens, der auf einen ebenso zugereisten Kurgast schließen ließ. Dort also hatte Waepanaert seine letzte Ruhe gefunden.

Der Rest der Geschichte lässt sich nur vermuten: am logischsten ist die Tatsache, dass Familie Fromm, die viele Jahre in Barcelona gelebt hatte, mit Dolores, der Gattin des Chevaliers, ihre gemeinsame spanische Herkunft verband. Der Umstand, dass Franz Fromm leidenschaftlicher Sammler von barocken Seiden war, lässt zudem den Schluss zu, dass Carmen de Waepanaert ihm die Galauniform ihres Vaters entweder verkaufte oder gar schenkte und das Prachtstück so in die Sammlung der Schätze der Villa Freischütz gelangte.

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Das Nachtkästchen

von Paul Rösch

Sie können ruhig Nachtkästchen zu mir sagen, obwohl ich ein normaler Koffer bin, also ein Transportbehälter für eine Reise oder einen Urlaub. Letzteres war ich wohl auch, aber meist diente ich in meiner Vergangenheit als Nachtkästchen neben dem Bett oder – weit öfter – am Boden neben einer Matratze.

Ich lege Wert darauf, meine Rolle als Nachtkästchen hervorzuheben, denn ich war lange der Tresor der Träume, Hoffnungen und Illusionen meines Besitzers, den ich auf Reisen begleitet habe. Als Nachtkästchen diente ich als Ablage einiger weniger Objekte: Lampe, Wecker, Buch. Mein Inneres dagegen diente als Stauraum „intimer“ Objekte. Diese änderten sich immer wieder, wurden ausgetauscht und widerspiegelten die Entwicklung, Gedankengänge, Wünsche und Fehlgriffe meines Besitzers.

Kurz zu mir: Ich bin ein handlicher Koffer, bei den Menschen würde man meine Figur als klein und kompakt definieren und wenn man mich mit zu viel Inhalt versorgt, könnte ich auch als Vollschlank bezeichnet werden. Zudem bin ich aus braunem Lederimitat, ein sogenannter Skai-Koffer. Das Lederimitat war von allem Anfang an ein Kompromiss zwischen dem, was mein Besitzer wollte („ja nicht angeberisch sein!“), und dem, was sich dessen Mutter vorstellte, die den Kauf finanziert hat.

paul_rösch_01Wer aber war mein Besitzer, für den ich eine Zeit lang als treuer Begleiter stückweise auch Heimat war? Er kommt aus einer Kleinstadt, stand damals mitten in seiner Sturm- und Drangzeit und verspürte einen großen Drang, seinem Heimatort den Rücken zu kehren. Er glaubte, dass ihm zu viele Lehren, Lehrer und andere Erwachsene erklärten, wie das künftige Leben vor sich zu gehen habe, welche Ideale, welche Werte es zu verfolgen gelte und wie sich Menschen in seiner Umgebung grundsätzlich zu entwickeln hätten. Dieser Druck hemmte meinen Besitzer in seiner Kreativität und Lebensfreunde. So verstaute er einige Dinge in meinem Inneren und unsere gemeinsame Reise nahm ihren ersten Anlauf. Ein Monat, England, Englisch lernen: Das war ein Grund, der in den 1970ern gesellschaftlich akzeptabel war. Schließlich passte das reine unproduktive Herumreisen damals nicht in die herrschende Kleinstadtphilosophie…

paul_rösch_02…das ganze Universum meines Besitzers aber offensichtlich in mein Inneres: Sprachbücher mit Übungen, ein Wörterbuch, Wäsche für einen Monat, Laufschuhe und Schwimmhose, Fotoausrüstung und Bücher von Hermann Hesse, darunter auch „Siddhartha“, in dem man lesen kann, dass man zwar Wissen erlernen könne, aber niemals Lebensweisheit. Sie erwirbt man nur persönlich, indem man „Raum um Raum durchschreitet, an keinem wie an einer Heimat hängt“ („Glasperlspiel“, Hesse). Das Leben also selbst in die Hand nehmen, das war Programm. Die Haustürschlüssel als Garant für die Rückkehr, dazu noch ein Kuvert mit Fotos von den letzten Skitouren mit herrlichen Abfahrtsspuren, ein weiteres Kuvert mit mehreren Fotos und einigen Briefen eines attraktiven Mädchens, was darauf schließen lässt, dass sie für meinen Besitzer wohl etwas mehr bedeutete. Dafür spricht auch eine antike kleine Jesusfigur aus Bronze, die er ebenfalls im Kuvert aufbewahrt und vom Mädchen als Beschützer bekommen hat. Was passiert mit all den Erinnerungen? Wie werden sie verarbeitet, ausgebaut oder gar ausgelöscht? Eines steht fest: Ich war ein emotionaler Tresor oder gar ein kleines Museum der persönlichen Erinnerungen.

paul_rösch_03Aus dem geplanten Monat in England sind zwei Jahre geworden. Was da an Objekten in meinem Inneren hinzugefügt, was ausgetauscht, entsorgt und behalten wurde, das war für mich als Nachtkästchen-Koffer höchst interessant. Plötzlich gab es Arbeitsangebote aber auch Absagen, Briefe und Postkarten von Mädchen, auch hier Zu- und Absagen, immer wieder neue Bücher und Broschüren, meist Literatur zu fremdartigen und neuen Themenbereichen, Eintrittskarten als Erinnerungen an Konzerte, Museums- und Ausstellungsbesuche, Kursbescheinigungen und zudem Fotos von neuen Bekannten, Arbeitskollegen und Freunden. Als stiller Beobachter fühlte ich mich verantwortlich für den jungen Mann, durchlebte mit ihm all seine neuen Erfahrungen und Entwicklungen und freute mich über den jugendlichen Elan und seine Lebensfreude.

Nach zwei Jahren schönem Zusammenleben ergab sich plötzlich eine ganz neue Situation. Mir war schon seit einigen Wochen aufgefallen, dass plötzlich neue Bücher auftauchten, vorwiegend Reiseliteratur. Irgendwie war ich schon darauf vorbereitet, dass „Siddhartha“ Spuren hinterlassen und Indien ein Reiseziel sein würde. Dass vorab noch ein Arbeitsaufenthalt in einem Kibbuz in Israel dazukommt, darauf war ich nicht vorbereitet. Gut, ich habe mir keine weiteren Gedanken gemacht, schließlich interessierten mich beide Länder und ich wollte ihn auf beiden Reisen begleiten. Aber weit gefehlt.

Eines Tages stand ein großer Rucksack neben mir, ein back-packer. Was für ein Schock! Als Koffer und Nachtkästchen hatte ich endgültig ausgedient, denn für Fernreisen bin ich zu sperrig. Seitdem friste ich mein Dasein in einem Londoner Keller bei einem Freund des jungen Mannes. Einige Erinnerungsstücke finden sich in meinem Inneren, ein paar Kleidungsstücke, darunter zwei Anzüge und Krawatten. Dinge, die auf der Weltreise wohl kaum gebraucht werden. Ich warte, denn vielleicht werde ich noch abgeholt. Allerdings zweifle ich daran, deshalb träume ich von der Zeit, als ich noch ein Gepäcksstück war. Und ein Tresor gebündelter Illusionen.

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Die Da-Bleib-Koffer oder Mama, Dostojewski und das Mittelalter

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von Sonja Steger

Ja, einfach darum, weil Sonne und Strand und Woanderssein sich in einen Alptraum verwandelt hatten. Und das lag nicht am Zum-Nichts-Tun-Verdammt-Sein sondern an den Dus rundherum, am Schlafen auf hartem Boden, am Loch graben müssen, um aufs Klo gehen zu können, an der Alkoholkonzentration im Kreislauf der anderen und so fort.

All dies führte zum unumstößlichen Entschluss: Nie wieder Urlaub.

Seit da an glitten sie in den Dornröschenschlaf – die Koffer. Sie bergen in ihren Mäulern und Schlünden und Seitentaschen die zerknautschte Modesammlung – jene des Winters im Sommer, jene des Sommers etc.

Das Leben meinte es gut mit der Reisemuffelin. Ans Verreisen war so und anders nicht mehr zu denken. Sie hatte den Vater auf dem Weg zu seiner letzten Reise zu begleiten und danach die am Bahnsteig der Zeit zurückgebliebene Mutter.

Trotzdem reiste die Urlaubsverweigerin in die ganze Welt, nach Japan, Neuseeland und im Winter mit Dostojewski nach Russland. Reisen in der Zeit, im Raum, in Figuren hinein, in die man schlüpft wie in einen Reisemantel mit Fischgrät-Muster und aus denen man wieder heraussteigt mit der einfachen Geste des Buchzuschlagens.

Eine lange Weile war sie im Mittelalter unterwegs und daheim, im bunten Jahrtausend, dort in der Gestalt der mumifizierten Ratte, welche in einem Zwischenboden auf Schloss Tirol gefunden worden war – naturgemäß als jene noch quickfidel herumwuselte. Und Hannes warf ihr einen Brocken Wortbrot zu, danach machte sie sich wieder an die Arbeit und baute mit den in der Kanzlei ergatterten Papier- und Pergamentfetzen und ein paar Happen Seide ihr Nest. Etliche Jahrhunderte später verliehen ihr die Archäolog*innen einen prächtigen Orden mit Mäusezahnborte.

Meist kehrte sie aus ihrem Kopf mit leichtem Gepäck zurück, lud ihre Mama, die Hotel-Herzogin, ins Auto und erfreute die Alte Dame mit einer motorisierten Kutschfahrt durchs Urlaubsparadies Südtirol, dem der Tourismus den Wohlstand gebracht und den Hoteladel beschert hat, der seine Turniere mit Baukränen austrägt und einander übertrumpft im Schleifen und Wiederaufbauen der Bettenburgen.

Die Gedanken im Fahrtwind flattern lassend zuckte sie plötzlich zusammen. Mist, Thema verfehlt. Und beschloss die Koffer-Garde in ihrem Ruhe-Stand zu belassen, unter den schützenden Staubschichten, auf denen es sich der Kater zuweilen bequem machte. Erwecke man sie besser nicht zum Leben, mögen sie in Frieden ruhen die Taschen verstorbener Freunde, die Großmutter-, Großvater-, Großtanten-, Eltern- und Hofstaat-Koffer.

PS. All jenen Leser*innen, die in diesen Text-Koffer voller Fragmente mit Kopfschütteln blicken, darin geistig kramen und verzweifelt nach Meta-Ebenen suchen, sei verraten: Der Packesel der Erinnerung schleppt vieles mit sich herum & man hat meist mehr eingepackt als gedacht.

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Zweckentfremdet

von Waltraud Holzner

Tante Lintschi

Wien, 14. Mai 1955. Warum mir dieses Datum so genau in Erinnerung geblieben ist? Am nächsten Tag, den 15. Mai, wurde im Schloss Belvedere der Staatsvertrag unterzeichnet, der Österreich nach Krieg und Besatzung die langersehnte Freiheit brachte.

Tante Lintschi und ich sind auf dem Dachboden, um die aufgerollte, gut verpackte Fahne zu holen. Sie lehnt in einer Ecke, darunter liegt ein Koffer. Trotz einiger Beulen und einer dünnen Staubschicht präsentiert er sich mit seinen vielen bunten Aufklebern als ein edles Utensil. Auf dem Boden liegen ein paar Fitzelchen Leder.

Meine Begleiterin wirft nur einen kurzen Blick auf das Ding, um mit einem kleinen Seufzer festzustellen, dass dieses Gepäckstück ihr gehöre und sie auf vielen Reisen begleitet habe. Sofort ist meine Neugier geweckt.

Holzner_Bräutigam

Bräutigam Nr. 1

Tante ist die jüngste Schwester meiner Großmutter, Jahrgang 1895, ein kleines, etwas kapriziöses Persönchen, ein Familienmitglied, das wir alle sehr lieben.  Lintschi war nie verheiratet. Sie hatte Pech mit Männern. Bräutigam Nr.1, ihre große Liebe, fiel im 1. Weltkrieg. Bräutigam Nr. 2 erwies sich als Schuft.

Ob ich den Koffer öffnen dürfe, frage ich. „Er ist sicher leer“, meint Tantchen. Schon beim Öffnen der Verschlüsse bemerke ich das kleine Loch in der Ecke und – war da nicht ein Geräusch? So ein Kratzen und Schaben? Tante hebt den Deckel und macht ihn sofort wieder zu.

„Da drinnen ist eine Maus!“ quietscht sie.

„Jetzt nicht mehr!“, stelle ich lakonisch fest, denn die Maus ist durch das Loch nach außen geschlüpft und in die Weiten des Dachbodens entwischt.

Nun kann der Koffer ohne Panik geöffnet werden. Er ist nicht leer. Ein dickes Bündel Briefe, säuberlich mit Spagat zusammengebunden, liegt darin. Die Maus hat augenscheinlich schon Kostproben entnommen.

„Gott im Himmel, das sind Karls Briefe!“ lässt Tantchen mit einer etwas brüchigen Stimme verlauten.

Karl. Die Nummer zwei…

Jede Woche schrieb er aus Linz seinem geliebten „Wiener Mäderl Lintschi“ einen zärtlichen Liebesbrief. Zugleich verschickte er aber auch fast identische Briefe an sein geliebtes „Salzburger Mäderl“.

Als er irrtümlich den Brief an Lintschi in das Kuvert mit der Salzburger Adresse steckte und den Brief an die Salzburgerin nach Wien sandte, kamen die beiden Mäderln dem bösen Karl auf die Schliche.

Das Mäuslein tut mir leid. Dennoch schlage ich vor eine Mausefalle zu holen und bücke mich, um den Koffer zu entsorgen. Aber Tantchen hält mich zurück: „Lass ihn da! Das herzige Mausi wird sicherlich zurückkommen, dann kann es die Briefe zernagen. Alle!“

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Der große braune Koffer

von Oswald Waldner

Er täuschte Leder vor, war aber nur aus besserem Karton, unhandlich groß, Klappe links, Klappe rechts, Griff und Schloss in der Mitte, es war zum Schämen. Meine Mutter hatte alles, was sie mir ins Studentenheim mitgeben wollte, auf dem Tisch zurechtgelegt, bange sah ich ihr beim Einpacken zu und fürchtete, der Koffer würde nicht reichen. Schon machte ich mir Gedanken, wie ich ihn vom Bahnhof ins Heim schleppen sollte. Die Mutter riet mir zu einem Taxi oder mir von meinem Freund Julian, der mich dort erwarten würde, helfen zu lassen. Mein Bruder fuhr mich zum Bahnhof, den Koffer gab ich als Begleitgepäck auf, um ihn musste ich mich vorerst nicht weiter kümmern. Nach achtstündiger Fahrt und zweimaligem Umsteigen kam ich in der fremden Stadt an. Ein Taxi brachte mich ins Studentenheim, wo mich Julian in unser gemeinsames Zimmer führte. Am nächsten Morgen bot Julian sich an, mit mir den Koffer vom Bahnhof abzuholen. Da es nicht sehr weit war, gingen wir zu Fuß. Ich nahm den Koffer entgegen und war beeindruckt von seinem Gewicht. Ich trug ihn einmal rechts, einmal links und hatte bei jedem Wechsel die Befürchtung, der Griff könnte reißen. Julian ging neben mir her. Als ich den Koffer niederstellte, die Hände ausschlenkerte und ihn auf die Schulter hob, sah ich Julian zum erstenmal grinsen. Bald musste ich den Koffer wieder absetzen und verschnaufen. Wir standen uns auf dem Gehsteig gegenüber. Ich schwitzte und Julian erzählte von Sehenswürdigkeiten, die wir uns in den nächsten Tagen anschauen wollten. Ich hatte keine Lust auf Sehenswürdigkeiten, keine Lust auf die Stadt und auch nicht auf ein Zimmer gemeinsam mit Julian, der zusah, wie ich mich abschleppte. Der Koffer wurde immer schwerer, Julians Grinsen immer boshafter. Ich war mir sicher, dass Julian, den ich bis dahin kaum kannte, nie mein Freund sein würde. In den nächsten Tagen war jeder so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass wir nichts gemeinsam unternahmen. Ich saß im Zimmer und grübelte. Was hatte Julian gegen mich? Was hatte ich ihm getan, dass ich ihm so gleichgültig war? Dann aber fragte ich mich, warum ich ihn denn nicht gebeten hatte, mir beim Koffertragen zu helfen, wie meine Mutter mir geraten hatte. Sah Julian in mir jemanden, der zu stolz war, Hilfe anzunehmen? Hatte er sich einen Freund anders vorgestellt? Tatsächlich nahm Julian sich nach einiger Zeit ein Privatzimmer irgendwo in der Stadt und wir verloren uns aus den Augen. Der große, leere braune Koffer lag bis Jahresende droben auf meinem Kleiderschrank und bildete sich wohl immer noch ein, aus echtem Leder zu sein. Ich nahm ihn genauer ins Visier: Mit den Metallklappen links und rechts, mit Schloss und Griff in der Mitte schien er die ganze Zeit ein breites Gesicht zu ziehen und auf mich herabzugrinsen.

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Junge Leute mit Koffer

Valigia_Bagna

von Nicola Bagna

Es ist Dezember 2019, und ich sehe die Dolomiten zum ersten Mal. Ein Berg überragt Corvara, der Sassongher. Weit entfernt, von Wolken umhüllt. Und vor allem einsam. Auf der anderen Seite der Col Alt. Weniger steil, auf seine Weise sanfter. Das Erste, was mir in den Sinn kommt, ist der Schnee. Aber vergessen wir die Kurven nicht: auf dem Weg nach Corvara gibt es viele Serpentinen, die hinaufklimmen, sich emporranken, sich wie ein Würmchen winden, das ein Blatt gefunden hat. Sie schaukeln glatt und holprig, wild und unsicher. Sie sind meine erste Begegnung mit den Dolomiten.
Corvara ist kalt; ich spüre die Höhe. Ich fühle mich kurzatmig, und ein wenig betäubt. Ich suche das Hotel La Perla. Ich trage einen großen Koffer mit mir.
Der Koffer. Wir sind die jungen Leute mit Koffer. Man nennt uns auf unterschiedliche Weise; meine Freunde zu Hause sagen „Saisonarbeiter”, für meine Mutter arbeite ich „Stück für Stück über das Jahr”. Niemand begreift jedoch die Entscheidung, jemand „mit Koffer” zu sein. Ich wollte schon immer im Gastgewerbe arbeiten; ich habe mir diesen Beruf immer gewünscht. Ich habe den Koffer gepackt, und jedes Mal, wenn ein Stück des Jahres verflogen ist, ist der Koffer voller geworden.
Die Berge. Die Berge und ihre merkwürdige Gegenwart. Ich schaue um mich und sehe Gipfel, schneebedeckte Spitzen. Sie sind schön wie das Leben; sie wirken hart und rau wie das Leben selbst. Ich höre die Leute sprechen. Ich verstehe sie nicht; es ist merkwürdig, eine Sprache zu hören und nichts zu verstehen. Ladinisch klingt faszinierend, geschichtsträchtig und gehört zum Alltag, denn es wird hier in den Tälern gelehrt und gesprochen. Es ist Identität, Leben, Kultur. Ich habe es mit anderen Dingen zusammen in den Koffer gelegt.
Bei der Arbeit begegne ich vielen Menschen. Viele sind Kollegen und teilen meine Abenteuer in diesem außergewöhnlichen Beruf des Gastgewerbes. Nein, ich spreche nicht von Tourismus! Es geht um Gastlichkeit; ich begrüße die Menschen, die im Haus eintreffen, ich kümmere mich um sie und darum, dass es ihnen wirklich gut geht! Sie sind nicht einfach Touristen für mich. Ich lerne viel von den Gästen und von den Personen in meiner Umgebung. Da gibt es Lebensgeschichten, die ganze Bücher kaum zu fassen vermögen: jede anders, alle verrückt, alle seltsam, keine unbedeutend. Ich hebe sie alle in meinem Koffer auf.
Manchmal flößen die Dolomiten mir Furcht ein, denn ich spüre, dass sie eine Seele haben. Sie scheinen mir Lebewesen und nicht bloß Steine zu sein. Ich begreife nun den Respekt und den Stolz der Talbewohner darauf, Ladiner zu sein.
Denn während das Meer vielen gehört und die Erde allen, so können doch nur wenige auf ein solch enges Verhältnis zu einer so schwierigen und zugleich so schönen Natur verweisen. Wenige haben eine so innige Bindung zu einer Welt, die einzigartig ist und zwangsläufig großen Einfluss auf sie ausübt.
Corvara hat mich wie ein neues Zuhause aufgenommen, mich und meinen Koffer voller „Stücke“ aus früheren Jahren. Casa La Perla ist eine Geschichte des Lebens, nicht nur jene einer Familie, die Gäste aufnimmt, sondern auch einer Familie aus zahllosen Mitarbeitern. Wir sind fast hundert, und fast alle haben wir einen Koffer. Freundschaften entstehen, auch Liebe, Ehen und Kinder. Da sind Freunde, und Freunde, die Brüder sind. Alle mit einem Koffer in unserer Unterkunft. Jeder schenkt den anderen ein Stück seiner selbst.
Ein Jahr ist vergangen; mein Koffer wird immer voller, aber ich habe noch viel Platz.

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Meine erste Reise von Schlanders nach Bozen

Koffer_Schuster

von Johanna Schuster Luther

Ich fuhr als 13-Jährige im Jahre 1947 mit dem Zug von Schlanders nach Bozen, um bei meiner Großtante für drei Jahre zu wohnen.

Ich durfte die damalige Handelsschule in der Weggensteinstraße besuchen. Einen mittelgroßen eher etwas älteren Koffer voll Kleidungsstücke und Unterwäsche trug ich mit mir. Johanna_Schuster_LutherDaheim beim Packen weinte ich ab und zu, weil mir der Koffer zu alt und zu schadhaft vorkam.

Der Koffer blieb während der ganzen Fahrt zwischen meinen Beinen. Als ich am Bahnhof in Bozen ausstieg, befand ich mich im Nu unter einer Menschenmenge, die hastig zum Ausgang drängte und mich, ohne es zu wollen, mitschob.

Als ich mich im Freien befand, auf den Stufen am Bahnhofsplatz, hielt ich inne, da mir die Stadt fremd war. Ich stellte meinen Koffer auf den Boden. Meine Großtante hatte mir versprochen mich abzuholen. Ich konnte sie nicht sehen, da sie beim Hauptausgang auf mich wartete. Ich ließ meinen Koffer auf den Stufen stehen und ging die Tante suchen.

Als ich sie endlich entdeckte, lief ich mit Freude zu ihr, um sie zu umarmen. „Wo hast du dein Gepäck“ fragte sie mich. „Mein Koffer steht auf den Stufen beim Haupteingang“ antwortete ich. „Ja Kindele hol ihn schnell sonst wird er von jemanden mitgenommen, sagte sie.

Doch mein Koffer stand noch immer auf demselben Platz. Er war wohl zu schäbig, als dass man ihn für begehrenswert hielt.

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