Koffer, Koffer und Sommerfrische Gefühle

von Himi Burmeister

BurmeisterWelchen Koffer würde ich präsentieren? Wirklich wahr: Ich hatte zeitlebens einen leicht größeren Kinderkoffer voller Hotel-Nostalgie-Etiketten auf meinen Reisen nach Prag, Leningrad, Titograd, Belgrad, Stockholm, Lyon oder Verona dabei.

Es passten hinein: Kamm, Zahnpaste, Tagebuch, Schreibstifte, Zahnbürste, ganz, ganz wenig Leibwäsche und jeweils der altmodischste Baedeker – sogar von K&K Österreich!

In Budapest hießen die Prachtstraßen „Kaiser Franz Joseph Boulevard“, als ich aber ankam: „Lenin Korut“ oder so. Heute heißen sie wieder wie im Baedeker um 1900 erwähnt.

Burmeister2In Straßburg schreiben die französischen Elsässer eines Tages neben die französischen Namen wieder die althergebrachten Elsässischen.

Koffer? Meine so leer wie möglich; aber um Fetische der Orte zurück zu schleppen: Aus Prag die überall noch vorhandenen deutschsprachigen Heiligen Bücher.

Aus Rom oder Kreta: Stuck-Reste mit antikem Farbrest; Münzen, mitten auf Athens Agora – touristisch total frequentiert, doch mit Argus Augen an grün kupferoxydisch verfärbten Boden aufgespürt.

Ich hätte eigentlich für meine Sammelmanie und Rettung alter Dinge die Kleiderschrankkoffer und Holztruhenkoffer und Übersee-Großkoffer aus den Amerika Umzügen meiner Familie, die im Bregenzer Dachboden gestapelt waren, nötig gehabt!

Ich übertreibe nicht: Als ich von Florenz nach Vorarlberg zog, war ein Sattelschlepper mit Anhänger notwendig, um meine Schätze, Poesie aus alten Zeiten ins Bregenzer Domizil zu bugsieren.

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Eine Begleitaktion zur Sonderausstellung „Packen, tragen, rollen – Reisegepäck im Wandel der Zeit“ (2021-2022)

Mein Praktikum im Touriseum

Am Montag den 30. Mai 2022 startete ich mein knapp dreiwöchiges Betriebspraktikum im Touriseum Meran.

Am ersten Tag war ich etwas aufgeregt, da es eine sehr große Ehre ist, in einem so wichtigen und schönen Schloss arbeiten zu dürfen, und ich mir nicht sicher war, ob ich dem gerecht werden konnte. Doch da mich meine Tutorin und meine Arbeitskolleginnen gleich freundlich begrüßt haben und mir alles genau erklärt haben, ist die Aufregung schnell verflogen und ich freute mich auf meine Arbeiten.

Sophia_NägeleGleich am Anfang wurde mir gezeigt, wie der Parcours der Dauerausstellung funktioniert und ich lernte, wie man sich an der Rezeption zurechtfindet.

Die meiste Zeit habe ich mich um das Instagram Profil von Schloss Trauttmansdorff gekümmert, dabei habe ich unter anderem Texte geschrieben, fotografiert und gefilmt und natürlich auch Bilder und Stories gepostet.

Mittags durfte ich immer den Dienst an der Rezeption übernehmen und die Gäste in den Parcours einweisen.

Mir hat es sehr gefallen, eine so abwechslungsreiche und kreative Arbeit zu haben, von der ich viele tolle Erfahrungen für mein Leben mitnehmen kann.

Am Ende möchte ich mich noch rechtherzlich bei den lieben Mitarbeitern und besonders bei meiner Tutorin Ruth Engel bedanken, die mich so freundlich betreut haben und von denen ich vieles lernen konnte.

Sophia Nägele, Schülerin der Fos Meran, Klasse 4TS1

Keine Reise ohne meinen braunen Koffer

Koffer_Plunger

von Christa Plunger

Der Urlaub in Rimini ist gebucht. Ich habe meinen alten braunen Koffer schon hergerichtet. Es schaut so aus als würde er darauf warten vollgepackt zu werden. Der Koffer hat schon viele Reisen hinter sich. Es muss alles systematisch hergerichtet werden, dass alles Platz hat. Insgesamt sind wir drei Leute – 2 Kinder und ich als Mama. Jedes Kind darf noch einen Rucksack mitnehmen mit Spielsachen, die sie auch selber tragen müssen. Was nicht fehlen darf ist Proviant, etwas zum Essen und Trinken, für jeden gleich viel sonst ist Streit vorprogrammiert.

Die Reise ist für die Kinder immer aufregend, die Nacht vorher wird auch nicht mehr geschlafen.

Am Bahnhof in Burgstall warten wir auf den Zug. Als er endlich in den Bahnhof einfährt und wir einsteigen können. Wir müssen lange suchen, um einen Platz zu bekommen. Voller Freude setzen wir uns und endlich starten wir.

Nach einer Weile kommt der Schaffner, um nach den Tickets zu fragen. Er stellt fest, dass wir im falschen Abteil sitzen. 1. Klasse, unsere Tickets sind für die 2. Klasse. Also alles zusammenpacken und ein anderes Abteil suchen. Endlich eines gefunden, wir ergattern sogar einen Sitzplatz am Fenster. Nach einer Weile zähle ich unsere Taschen und ich bemerke, dass der große braune Koffer fehlt. Ich springe auf und suche das ganze Abteil ab, finde nichts. Ich sage zu meinem Sohn Gerold, er soll schnell dorthin laufen, wo wir zuerst waren, dort muss der Koffer sein. Gerold ist lange aus, wir machen uns schon Sorgen. Als er zurückkommt, ist er in Tränen aufgelöst, er hat den Koffer nicht gefunden. So musste ich los, habe zu Gerold und Sylke gesagt, sie sollen im Abteil bleiben und auf mich warten. Ich lief los, mir kam es eine Ewigkeit vor bis ich endlich beim Abteil ankam, wo wir zuerst waren. Ich fragte einen Herrn, ob er einen braunen Koffer gesehen hätte, er sagte nein. So habe ich nochmal genau nachgeschaut und zum Glück habe ich ihn gefunden, er war ganz oben in der Ecke. Als ich wieder zurückkam waren wir alle froh und haben den Koffer nicht mehr aus den Augen gelassen. Wir haben nicht nur einmal geträumt, dass wir ihn wieder verlieren. Immer wenn wir diesen Koffer holen, fällt uns dieses Erlebnis ein und wir müssen lachen, was war das für eine Aufregung. Dieser Koffer ist seitdem etwas Besonderes, ist bei Reisen nicht mehr wegzudenken, ist unser Talisman geworden. Noch heute träume ich davon, dass ich den Koffer suche.

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L’enfant terrible on voyage

von Ruth Engl

 

Der alte braune Lederkoffer, diese alte Lederhaut, den ich ständig auf den Weg in den Keller begegne, sieht mich vorwurfsvoll an. Hier muss er nun sein Dauerdasein fristen, anstatt mit mir aufregende Zeiten zu verbringen. Wie gerne würde er so manches neue Abenteuer erleben, so wie damals. Wenn ich daran zurückdenke, beginne ich zu Schmunzeln. Ich war immer schon gerne mutig und unangepasst, meine Eltern mussten viel mit mir aushalten.

 

Meine damalige Freundin Hannelore und ich, beide 16 Jahre jung, reisten ohne Zustimmung und Wissen unserer Eltern nach Frankreich. Als Vorwand gab ich einen Sommerurlaub in Riccione an, wo meine Freundin gerade ihren Sommerjob in einem Hotel beendete und sie hingegen, war nach offizieller Version bei uns in der Sommerfrische auf den Ritten zu Gast. Der Plan war genial. Mit dem Zug ging‘s nach Riccione, schnell wurde eine Postkarte mit Urlaubsgrüßen nach Hause geschrieben. Stichfestes Alibi im petto.

Unser gewagtes Vorhaben nahm seinen Lauf, beide hatten wir keine Ahnung von Reisen, von Kofferpacken noch viel weniger. So verstaute ich meine sämtliche Garderobe darin und der Koffer platzte fast aus allen Nähten. Mein Koffer war zu schwer und wirkte wie Blei an meinem Arm, doch dass nahm ich gerne auf mich.

Dementsprechend unvorbereitet verlief unsere Grand Tour. Angst vor dem Ungewissen hatten wir nicht, im Gegenteil, wir sprühten nur so vor Neugierde nach der großen weiten Welt. So gelangten wir auch in sehr brenzlige Situationen, als wir blauäugig mit Autostopp von Riccione nach Genua reisten. Urplötzlich waren wir selbst für unser Leben verantwortlich.

Die aufregende Odyssee führte uns entlang der Cote Azure mit erstem Reisestopp in Monaco, wo wir mit fester Absicht ins Spielcasino wollten. Kategorisch und mit einer gewissen Härte wurde uns der Zutritt verwehrt. Schließlich waren wir beide ja noch minderjährig. Übernachtet haben wir fast immer in den „Auberge‘s de Jeunesse“, aber manchmal auch unter freiem Himmel, da uns die Hausordnung der Jugendherbergen zu streng war. Weiter gings über das mondäne Nizza nach Cannes, ohne es dabei zu versäumen über den roten Teppich zu flanieren und inständig zu hoffen, man möge unser Talent entdecken und wir würden als Filmstars zurückkehren. Anschließend noch mit dem Nachtzug nach Paris, und zwar mit dem wichtigsten Grund, endlich bei McDonald einen Burger zu essen. Nebenbei haben wir selbstverständlich alle Sehenswürdigkeiten der Stadt besichtigt. Wir hatten das große Glück einen Studenten aus wohlhabendem Hause aus den Arabischen Emiraten kennenzulernen, der uns im Porsche das schillernde Paris bei Nacht zeigte und mit uns Landpomeranzen eine Spritztour zu den Schlössern von Versailles unternahm. Jeder Tag dieser Reise war aufregend und bot eine Fülle an Abenteuer, dem wir uns voll und ganz hingegeben haben.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Diese Eskapaden hüteten wir stets als unser großes Geheimnis und der Schwindel flog auch nicht auf. Erst Jahre später, beichteten wir unseren Eltern von dieser inkognito Reise, ohne je dafür bestraft zu werden. Wir versetzten sie mit unseren Reiseerzählungen regelrecht ins Staunen und nie und nimmer hätten sie uns so ein Wagnis zugetraut.

Viele weitere Reisen folgten als junge Erwachsene aber keine war so aufregend wie diese erste. Und der Koffer? Kam bei der Rückkehr ins Kellerdepot und wurde nie mehr als Reisebegleiter verwendet. Zu schwer war sein Eigengewicht, zu mühsam das Schleppen.

Er darf bleiben, wo er ist und erinnert mich immer wieder daran, dass ich im fortschreitenden Alter nicht verlerne, Neues zu wagen und mich weiterhin mit Leichtigkeit durch das Leben tragen lasse.

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Mit kleinem Koffer dreimal um die Welt

Vor mir sitzt Walter Nogler, vermutlich der meistgereiste Südtiroler schlechthin. In seinen blitzblauen Augen spiegelt sich unser blauer Planet wider. Den hat er dreimal umrundet, hat 204 Länder und sieben Kontinente bereist.

Nogler_Tibet

Radtour von Lhasa Tibet nach Katmandu

Ein sportlicher Mann mit jugendlichem Aussehen, seine 78 Jahre sieht man ihm nicht an. Vermutlich lässt das Reisen langsamer altern. Auf meine Frage, was er bei seinen Reisen alles in seine Koffer packt, erwidert er, er reise prinzipiell mit kleinem Koffer. Er selbst benötige eigentlich sehr wenig. Man kann überall auf der Welt alles kaufen, es gibt überall Waschsalons und großes Gepäck belaste nur seinen Geist. Den schwersten Koffer hat er mit, wenn er zweimal im Jahr seine alte Heimat Südtirol besucht, schmunzelt er.

Nogler_Grönland

Hundeschlitten-Expedition in Grönland

67 europäische Länder und ihre Nebengebiete, alle sieben Natur- und Weltwunder der Antike, alle 50 Orte, „die man gesehen haben muss bevor man stirbt” hat der Globetrotter besucht.  Bei seinen internationalen Abenteuerreisen ist er durch die wildesten Gegenden gewandert und hat die herrliche Tierwelt und das Meeresleben auf allen sieben Kontinenten beobachtet. Seine größte Liebe gilt der Tierwelt.  Er ist den Berggorillas im Dschungel von Ruanda begegnet, ist auf den Fidschi-Inseln mit Buckelwalen geschwommen, war mit Kamelen in der Wüste unterwegs, hat mit Orcas in den norwegischen Fjorden getaucht und machte mit Schlittenhunden eine Tour durch Grönland.

Nogler_Kenia

Mit den Massai in Kenia

Der Wahlengländer stammt aus ärmlichen Verhältnissen, weiß bestens Bescheid, wie sich das anfühlt und reiste vielfach in die ärmsten Länder der Welt. Gerade sind seine Reiseerinnerungen in Buchform erschienen und sämtlicher Erlös aus dem Verkauf des Buches spendet er einer Wohltätigkeitsorganisation, die die vielen alleinstehenden Frauen und Kinder in Afrika unterstützt. Das Wichtigste sei, dass die Kinder etwas lernen können. Seine Reisen haben den erfolgreichen Geschäftsmann geprägt und er hat dadurch erkannt, worauf es im Leben wirklich ankommt.  Sein wertvollstes Mitbringsel von einer Reise war „das Paradoxon unserer Zeit von Dalai Lama“. Seit dem ist sein Leben nachhaltiger geworden. Dem Vegetarier, der keinen Alkohol trinkt, ist der Weltfriede wichtig. Er wünsche sich mehr Frauen in der Politik, die für mehr Weltfrieden sorgen könnten.

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Schwimmen mit Delfinen in Playa del Carmen – Mexiko

Nur wenige Reiseandenken hat er mitgenommen, darunter sein Lieblingstier, ein Elefant aus Amber aus Lithuania, und einen Buddha aus Burma, der ihm Glück schenkt. Sechsmal sind seine Koffer verloren gegangen, die er alle wiederbekommen hat. Buddha sein Dank!

Auf lange Flugreisen werde er in Zukunft verzichten, das sei jetzt trotzdem etwas zu anstrengend in seinem Alter. Aber ganz sesshaft werden kann er nicht, dafür ist er zu gerne unterwegs.

Das Interview mit dem Weltreisenden führte Ruth Engl – Vermittlerin Touriseum Meran

 

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Ein Selbstportrait

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von Evelyn Reso

Alles, was mitmuss, liegt auf dem Bett ausgebreitet: Hosen, T-Shirts, Pullover, Toilettenzeugs, eine dünne Jacke, eine dicke Jacke und eine wasserfeste – sollte es entgegen aller Wetterprognosen doch zu sintflutartigen Regenfällen kommen. Alles wird gut sortiert verstaut, damit man es nachher schnell wiederfindet in den Untiefen des Koffers. Socken und Tempos stopfen die verbliebenen Löcher. In letzter Sekunde landen weitere überlebenswichtige Utensilien im Koffer: weitere Tempopäckchen, ein Taschenmesser, ein Feuerzeug – ich rauche nicht, aber es könnte ja nützlich sein.

Fertig.

Jetzt noch das Adressschild kontrollieren und den farbigen Anhänger dranmachen, zur Sicherheit auch noch einen Gepäckgürtel drum herum geschnallt. Zwei-, dreimal öffnet sich noch der Reisverschluss und die letzten unverzichtbaren Kleinigkeiten verschwinden im Spalt – nur für alle Fälle, man kann ja nie wissen. Jetzt noch den Verschluss ins Schloss stecken und die Nummern verdrehen – so verwirrend wie möglich, für ganz schlaue Gepäckdiebe. Dann doch nochmal aufmachen, falls der Code nicht stimmt – besser, ich finde das jetzt heraus als hinterher. Wieder schließen. Nein, am besten doch gleich offenlassen, es könnte ja sein, dass der Zoll im Reiseföhn etwas Verdächtiges vermutet und das Schloss aufbricht, dann ist der Koffer hin. So, jetzt aber ab auf die Waage. Der Koffer wiegt genau 12,5 Kilogramm, das macht 2,5 Kilogramm Spielraum für Mitbringsel, perfekt.

Ein mulmiges Gefühl beschleicht mich, als der Koffer über die Gepäckschiene fährt und hinter der freundlichen Flugbegleiterin durch die Luke verschwindet. Meine Hände sind leer, der Körper so leicht. Durch das kleine Fenster im Passagierraum beobachte ich den Gepäckzug, der gerade unter dem Flugzeugflügel hält. Ist mein Koffer dabei? Was, wenn nicht?

Nervöses Gedrängel am Gepäcktransportband. Koffer für Koffer wird vom Band gehievt und mitgenommen. Nach einigen Runden Leerlauf, hält das Gepäckband an. Das war’s, da kommt nichts mehr. Panik kriecht in mir hoch. Was mache ich jetzt nur? Mit einem Ruck läuft das Gepäckband wieder an. Ein Koffer purzelt durch die Luke, ein zweiter und dann endlich einer mit dem vertrauten Anhänger, dem Gürtel, mein Koffer, er kommt! Schnell fische ich ihn herunter und umklammere seinen Griff. So als wäre ich ohne ihn verloren. So als wäre ich mit ihm gerüstet für all das, was kommt. So als könnte mir mit meinem Koffer nichts geschehen.

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Mrs. E. Scarpa

von Ursula Scarpa

4103651So steht es auf der Plakette der braunen Reisetasche. In Wirklichkeit hieß die Ehefrau von meinem Großvater Olga Kranz Scarpa. Das E steht für Emil.

Frauen hatten in der Geschichte bezüglich ihrer Ebenbürtigkeit Männern gegenüber stets einen schweren Stand. Als verheiratete Frau reiste man zu Beginn des 20. Jahrhunderts stets unter dem gesamten Namen des Ehegatten.

Emil Scarpa entstammte einer venezianischen Familie, die 1866 für die k. u. k. Monarchie Österreich-Ungarn optierte und aus Venedig abwanderte und ihren Wohnsitz nach Triest verlegte.

Er wurde Direktor der Österreichischen Dampfschifffahrtsgesellschaft Lloyd in Triest.

Emil_ScarpaBis zum Ende der Habsburger Monarchie galt Triest als Hafen von Wien und war Sitz des 1833 gegründeten Österreichischen Lloyd, der damals größten Dampfschifffahrtsgesellschaft im Mittelmeer. Die Eröffnung des Suezkanals im Jahr 1869 ermöglichte der Lloyd die Inbetriebnahme der Linie Triest-Bombay.

Mein Großvater reiste für die damaligen Verhältnisse bis ans andere Ende der Welt und hat in Bombay 18 Jahre lang für die Gesellschaft gearbeitet.

Als er ins heiratsfähige Alter kam, wollte er weder eine Inderin noch eine Engländerin zur Frau. Deshalb reiste er nach Graz zur Brautschau und nahm Olga Kranz zur Ehefrau. Sie entstammte einer wohlhabenden Familie aus Andritz bei Graz, die mehrere Kartonfabriken besaßen.

Sie sind dann als Ehepaar zurück nach Bombay, aber nicht für lange Zeit, denn die Ehefrau Olga vertrug das Klima in Bombay nicht besonders.

Im mondänen Meran fanden sie 1908 ein neues Zuhause. Sie haben so lange in Meran gelebt, bis Herr Scarpa schwer erkrankte und deshalb zur Behandlung nach Wien zog und dort auch verstarb. Er ist auch dort begraben.

Nun muss die weitgereiste Ledertasche nicht mehr auf meinem Dachboden ihr Dasein fristen und erfährt im Touriseum jede Menge Bewunderung und Aufmerksamkeit.

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Mein allererster Koffer, den ich eigentlich nicht wollte

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von Adi Thuile

Meine kleine Koffergeschichte liegt schon viele Jahre zurück und doch kommt es mir vor, als wäre sie erst vor kurzer Zeit gewesen.

Ich schreibe das Jahr 1966. Meine Eltern haben beschlossen, mich auf ein Internat zu schicken. Sie waren der Meinung, es sei das Beste für mich und ich hätte es zu respektieren. Mich zu rebellieren war nicht angebracht, es hätte an der Entscheidung nichts geändert.

Für die Einschulung in die Mittelschule wurde demnach alles rechtzeitig vorbereitet. Meine Mutter nähte auf alle meine Kleidungsstücke die Nr. 36 auf. Die Nummer war in der Farbe rot auf weißem, kleinen Stoffuntergrund, also nicht zu übersehen. Irgendwie fand ich das gar nicht toll, denn ich kannte ja meine Kleider auch ohne Nummer.

….und dann lag er da, auf meinem Bett, hellblau mit dunkelblauen Streifen, hinten und vorne im Karomuster in Stoff gedruckt.  Es war mein Koffer, daran gab es kein Zweifel, denn mein Name war in der braunen Lederlasche ganz deutlich ersichtlich. Ich öffnete ihn und fand alle meine persönlichen und nun nummerierten Sachen darin. Meine Freude konnte man mir nicht ansehen, denn ich empfand keine Freude, aber sehr wohl so eine Art von Wut.

Am darauffolgenden Morgen fuhren meine Eltern und ich und mein kleiner, blauer Koffer Richtung Brixen. Während der ganzen Fahrt hielt ich mich am Koffer fest, der den zweiten Platz hinten besetzte. Ich wagte es nicht irgendeine Bemerkung zu machen.

Bald darauf stand ich vor der großen Eingangstüre des Kassianeums und ich wurde freundlich empfangen. Aber sobald sich die Türe hinter mir schloß, fühlte ich mich gefangen. Ich, der immer so frei war und den ganzen Tag in der Natur verbrachte, musste von nun an folgsam sein und alle Regeln akzeptieren.

Es begann eine traurige Zeit mit vielen Tränen und starkem Heimweh. Nur einmal im Monat durfte mein kleiner, blauer Koffer und ich nach Hause fahren und das war eindeutig zu wenig für mich.

Und so packte ich jede Woche meinen kleinen Koffer und hoffte innigst, dass wir beide abgeholt werden. Aber dem war nicht so.

Mein kleiner Koffer und ich beschlossen demnach auf eine andere Art und Weise die Heimreise zu erzwingen. Wir waren uns einig, dass wir es gemeinsam schaffen würden … nach mehreren gescheiterten Versuchen und nach dem zweiten Aufenthaltsjahr im Internat war es endlich soweit … die große Eingangstüre öffnete sich und ein strahlender, aufgekratzter Lausbub verließ mit seinem kleinen Koffer für immer das Internat und hatte nie mehr eine Kleidung mit einer aufgenähten Nummer.

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Ein “treuer” Begleiter

von Rudi Gamper

Wenige Jahre vor ihrem Tod fragte ich meine 90-jährige Mutter, wo denn der Koffer sei, der immer auf dem alten Kasten lag und den sie bei der Option nach Österreich und zehn Jahre später wieder beim Rückwandern nach Südtirol bei sich hatte? Sie habe ihn verworfen, meinte sie mit ernstem Gesicht, denn sie wolle nicht mehr an die traurigsten Jahre ihres Lebens erinnert werden. In den braunen Koffer aus gepresster Pappe mit den dreieckigen Schutzblechen an den Ecken hat sie 1940 die wenigen Habseligkeiten gepackt, die der Vater und sie, die Hochschwangere, in den ersten Tagen in der Fremde brauchen würden. Sicher war es beim Kofferpacken nicht ohne Tränen abgegangen, war sie doch gegen das Gehen und in keiner Weise vom Optimismus des Vaters überzeugt, in Osttirol ein besseres Leben führen zu kFamilie_Gamperönnen und eine sicherere Arbeit als Steinmetz zu finden. Von den 31 Jahren seines Lebens hatte der schwerhörige Vater mehr als die Hälfte mit Steine Klopfen verbracht und die Mutter die Hälfte ihrer 28 Jahre bei den Bauern als Magd im Südtiroler Unterland. Denn seit ihr Vater wegen einer jüngeren Frau die Familie verlassen hatte, war ihre Mutter mit fünf kleinen Kindern zu Fuß vom Ritten zurück in ihre Heimat nach Belluno gezogen, und alle Kinder mussten nach der Volksschule “in den Dienst” zu den Bauern im Südtiroler Unterland. Zu Silvester 1938 hatte sie dann meinen Vater geheiratet und am Traualtar ihm “die Treue in guten und bösen Tagen” versprochen, ohne zu ahnen, dass die “bösen Tage” sehr bald Wirklichkeit werden würden. Denn der Vater entschied sich im Oktober 1939 wegen der schlechten Arbeitslage in Südtirol für das Optieren, die Mutter aber wäre gern geblieben, hatte aber, wie alle Frauen damals, kein Wahlrecht. Und als der Vater im Jänner 1940 den Koffer im Zug nach Österreich verstaut hatte und die Mutter vom Zugfenster aus die winkenden Menschen am Bozner Bahnhof sah, meinte sie: “Peter, die haben es schön. Die dürfen bleiben.” Nur mit der einzigen Habe, dem braunen Koffer, erreichten sie das ihnen zugewiesene alte steinerne Haus in Matrei/Seblas in Osttirol. Nach fünf Monaten kam mein Bruder Adi zur Welt. Doch weil das raue Klima dem Kind arg zusetzte, riet der Arzt den Eltern, nach Schärding zu ziehen, denn, wie er sagte, Schärding sei “die Mutter vom Butter”. Diesmal war der braune Koffer fast ausschließlich mit Windeln gefüllt, denn die Reise nach St. Roman bei Schärding dauerte immerhin zwei ganze Tage.

Mein Vater erhielt in St. Roman eine schöne Arbeit als Steinmetz, doch die Mutter litt nach wie vor an Heimweh und hatte nur einen Wunsch: Zurück nach Südtirol. Schließlich kam 1942 ich zur Welt. Und als 1946 mein Bruder die Volksschule besuchen sollGamper_Peter_Rudi_Adi_1949te, richtete der Vater im Juli ein Gesuch an den Landeshauptmann von Oberösterreich mit der Bitte, einen Tag lang nach Südtirol reisen zu dürfen, um bei der Verwandtschaft gebrauchte Bubenkleider abzuholen. Die Antwort fiel negativ aus, denn – so der heute noch erhaltene Brief im Landesarchiv Oberösterreichs – Auslandsreisen würden nur bewilligt, wenn sie “im öffentlichen oder politischen Interesse Österreichs gelegen sind”. Und so fuhr der Vater mit dem Zug und dem leeren braunen Koffer nur bis zum Brenner, wo ihm die Verwandten aus Leifers Pakete mit gebrauchten Bubenkleidern über den Schlagbaum reichten und er diese eiligst im Koffer verstaute. Zwei Jahre später erließ Italien das “Reoptantendekret”, und da gab es für die Mutter kein Halten mehr. Der Vater musste gegen seinen Willen um die Rückkehr nach Südtirol ansuchen, und im Oktober 1950 saßen wir mit dem braunen Koffer in einem Lastkraftwagen und fuhren zum Dorf St. Roman hinaus. Für uns Buben eine riesige “Hetz”, einmal mit einem qualmenden LKW fahren zu dürfen. Aber ich erinnere mich noch genau, dass die Eltern weinten; der Vater, weil er lieber in Österreich geblieben wäre (und wohl auch besorgt war, wie man ihn als Rücksiedler in Südtirol aufnehmen würde), bei der Mutter aber waren es Tränen der Freude. Nach der Ankunft am Bozner Bahnhof und der Fahrt mit dem SASA-Wagen mit den hölzernen Bänken, erhielten wir eine einfache Wohnung in den Kasernen von Leifers zugewiesen. Und weil die Möbel erst eine Woche später nachkamen, lebten wir sieben Tage lang von den Habseligkeiten, die die Mutter im braunen Koffer verstaut hatte.

Übrigens hat die Mutter den Koffer nie mehr verwendet, genauso, wie sie Zeit ihres Lebens nie mehr einen Zug bestiegen hat; zu schmerzhaft war die Erinnerung an die Ausreise 1940. Inzwischen sind alle Zeugen dieser unseligen Zeit verstorben, und ebenso gibt es den “treuesten” Zeugen dieser Zeit nicht mehr – den braunen Koffer aus gepresster Pappe mit den dreieckigen Schutzblechen an den Ecken. Es gibt ihn nur noch in meinen Erinnerungen.

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Ein Koffer als Tisch neben dem Diwan…

Koffer_Stocker

von Barbara Maria Stocker

Koffer haben etwas Geheimnisvolles an sich. Auch wenn ich nie einen zum Reisen besaß, so kann ich mich für Koffer in Romanen, Filmen und Ausstellungen immer begeistern. Denn wenn sie könnten, hätten sie viel zu erzählen. In Studienzeiten war ich wie viele andere mit „Sporttaschen“ unterwegs, die als Werbegeschenke von Geschäften verteilt wurden und mit deren Adresse bedruckt waren.

Heute benütze ich eine kleine Reisetasche oder einen Trolley. Trotzdem gehören zwei Koffer zu meinem Leben. In meiner Kindheit spielte ich mit einem alten, kleinen Koffer, den vor mir schon meine Mutter verwendet hatte. Ich verstaute dort Kleidchen für die Puppen, Bürsten und Bücher. Als Jugendliche stapelte ich darin Musikkassetten, heute habe ich dort Stadtführer, Prospekte und Visitenkarten aufbewahrt.

Koffer_Stocker_2

Ein etwas größerer Koffer dient mir im Wohnzimmer als Tischchen, wo ich alles, was ich am Abend brauche, draufstelle: Bücher und Zeitschriften, Spielkarten, das Strickzeug, eine Handcreme und ein Glückskeks, denn Glück kann man immer brauchen.

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