Koffern

von Martina Theiner

Martina Theiner hört in ihrem Pflegeberuf sehr viele Lebensgeschichten älterer Menschen. Auch der alte Koffer in ihrem Keller hat so einiges zu erzählen.

Koffer_TheinerEigentlich bin ich ein toller Typ, nicht zu groß und nicht zu klein, nicht zu dick und nicht zu dünn, anpassungsfähig und für vieles zu gebrauchen, jederzeit bin ich zum Koffern bereit. Nach außen hin wirke ich etwas kleinkariert, denn mein solider moosgrüner Grundton wird von aufgesetzten dottergelben Karos aufgelockert. Ja, ich habe Ecken und Kanten, wer hat die nicht? Aber, meine sind mit robustem Leder eingefasst und abgestumpft! Keiner kann sich an mir stoßen. Auf meinen, mit braunem, weichem Leder eingefassten Handgriff bin ich besonders stolz. Stabil und handfest ist er jederzeit und für jedermann griffbereit. Ja, ich bin ein teures Stück und bin mir meiner edlen Qualität wohl bewusst.
Nichts desto trotz bin ich reiselustig, neugierig auf Neues und allzeit bereit zu neuen Ufern los zu koffern und alles hinter mir zu lassen.

Das Äußerliche, ist für mich das Wesentliche denn ich bin das Äußerliche das Eingekoffertes zusammenhält und unsichtbar macht. Das Äußerliche das Vorstellungen schafft und Eindrücke hinterlässt, das neugierig auf das Eingekofferte macht, und darüber keine Grenzen setzt.
Wer mich aufkoffert, findet Platz für viele annehmliche Dinge, die an einem fremden Ort unabkömmlich sind!
Ich muss offen sein um loszukoffern, offen und bereit alles einzukoffern, das auf mich zukommt. Dabei kann ich es mir nicht aussuchen, eingekoffert ist eingekoffert.
Mit was ich immer alles zugekoffert werde! Da ist Freude auf eine bevorstehende Reise, da ist Ungewissheit bei einem Umzug, oder Angst vor einem Spitalsaufenthalt.
Während man am Ziel einer Reise die annehmlichen Dinge, ohne Probleme auskoffert, bleiben die Eindrücke, die Gefühle und die Erinnerungen bei mir eingekoffert, sie lassen sich nicht auskoffern und es ist ein Glück, dass sie keine Kubatur meines Innenraums  beanspruchen, denn unermesslich ist diese nicht.
Letzten Endes kommt es dann doch auf den Inhalt an, auf die inneren Werte und deshalb stellt sich mir die Frage was braucht es wirklich, um gut durchs Leben zu koffern?
Mich vollzukoffern, bis sich mein selbstaufspringender Klick Klack Verschluss aus feinsten Messing nicht mehr schließen lässt, kann es doch nicht sein oder? Diese Überkofferung verformt mich und stellt mich vor eine Zerreisprobe. Auf die maßvolle Einkofferung kommt es an!
Aber was jammere ich über die Überkofferung, das war einmal! Schon lange schlage ich, trostlose Leere in mir, die Zeit tot. In einem Keller zwischen staubigen Kartonen eingeklemmt, dümple ich vor mir her. Ich, herrschaftlicher Koffer, beneide schon die Kartone rings herum, sie sind gefüllt, sie haben noch eine Aufgabe!
Natürlich, bin ich nicht mehr das neueste Model, aber ich bin ein teures Stück, aus gutem Hause! Ich bin einwandfrei intakt, habe weder Schrammen und Dellen! Mein Äußeres ist kein bisschen aufgeblasst und ich erstrahle noch in leuchtenden Farben und meine Klick Klack Verschlüsse funktionieren wie geschmiert!
Ich glaube, es liegt daran, dass ich keine Räder unter meiner Unterseite habe! So wie der Neue, der unter mir, immer griffbereit abgestellt ist! Mich muss man eben noch mit Händen tragen. Die Räder sind es, die mir der Neue voraushat, denn mit meinem Charakter und meinen Charme kann der nicht konkurrieren! Aber was nützt mir das schon, für mich hat es sich ausgekoffert!

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Eine Begleitaktion zur Sonderausstellung „Packen, tragen, rollen – Reisegepäck im Wandel der Zeit“ (2021)

Ein Koffer als Heiratsvermittler

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Von Ulrike Buhl, Archäologin und Bibliothekarin mit Leidenschaft für Griechenland, berichtet wie Koffer zu Heiratsvermittlern wurden.

Sabine, eine Studienkollegin von mir, ist/war eine Flohmarktfanatikerin und egal, wo sie im Urlaub oder aus sonst irgendwelchen Gründen unterwegs ist, kam sie an keinem Trödelladen, Antiquitätengeschäft oder Flohmarkt vorbei. Dabei hat sie ein besonderes Faible für Taschen und Koffer (die sie auch als Einrichtungsgegenstände nützt), Bilderrahmen und Vasen.

In Athen hat sie im Monastiraki-Viertel einen kleinen Laden entdeckt, den sie fast leer gekauft hat. Dabei war auch ein Koffer aus den 30er Jahren, den es 2x gab. 1x mit grünem Futter ausgeschlagen und 1x mit gelb kariertem, ansonsten vollkommen identisch – sogar die Kofferaufkleber waren gleich. Angeblich stammten die Koffer von einem bekannten griechischem Künstlerehepaar. Der mit dem grünen Futter musste es dann sein.

Da sie mit dem Flugzeug unterwegs war, wurde der Koffer dann auch als Reisegepäck genützt. In München angekommen hat sie ihn auch sofort auf dem Fließband erkannt, er war sogar direkt hinter ihrem normalen Reisekoffer. ABER aus irgendwelchen Gründen ist der Koffer – oder sie – dem Zoll aufgefallen und sie wurde aufgefordert das Gepäck zu öffnen. Und oh Schreck, das erste was sie beim Öffnen sah, war das gelb-karierte Muster des Futters. DAS war nicht ihr Koffer. Sie hat den Sachverhalt den Grenzbeamten dann erzählt.

Sabine und die Zollbeamten sind dann zurück zum Fließband, wo ein junger Mann tatsächlich etwas ratlos mit dem Gegenstück da stand. Er hat sofort erkannt, dass es nicht sein Koffer war, weil der Kofferanhänger fehlte. (den hat Sabine erst im Nachhinein realisiert).

Lange Rede kurzer Sinn: Der Zoll hat nichts auffälliges entdeckt, Sabine und der junge Mann (ein Grieche, der in Nürnberg lebte, ebenfalls Antiquitäten oder Vintage liebt) sind Kaffee trinken gegangen, zusammen nach Nürnberg gefahren (unglaublich aber wahr, sie hatten für denselben Zug und das gleiche Abteil reserviert) seit September 1994 zusammen und seit 2001 verheiratet.

Hach ja….das Universum plant halt doch immer wieder…

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Pack-Minimalistin auf Reise-Abenteuer

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von Sabine Schmid

Ein “Koffer-Typ” war ich noch nie. Ein Koffer erscheint mir für fast alle Reisearten eher hinderlich zu sein: zu groß, zu schwer, zu unhandlich. Nein, ich mag es leicht, schnell, knuffig. Daher: Rucksack! Ob im für Flugzeuge als Handgepäck vorgeschriebenen Kleinformat oder in – je nach Reiselänge – unterschiedlichen Rucksack-Litergrößen. In früheren Zeiten, als ich noch nicht in meinem Traumland Südtirol dauerhaft lebte, war doch eher ein größeres Volumen gefragt: Der Hauptteil an Platz ging regelmäßig für Mitbringsel drauf (und für Andenken und Einkäufe auf der Rückreise), und dann sollten ja vielleicht auch noch Bergsachen, Klamotten für unterschiedliche Witterungsbedingungen und Geselligkeiten, Körperpflege, Nachtwäsche, Literatur und Schreibzeug hineinpassen. Ziemlich schnell lehrte mich das den erforderlichen Minimalismus. Und schon längst bin ich flotter Pack-Profi und brauche nicht viel. Kleidertechnische Eitelkeiten sind überflüssig; praktisch, leicht zwischenzuwaschen muss es sein und möglichst bügelfrei. Meist reicht die Hose, die ich trage, dazu wenige Shirts und Blusen zum Kombinieren, evtl. ein Rock, der das Spektrum bereichert. Und fertig!

Eine bevorstehende Reise, egal wie kurz, lang, nah oder weit, ist immer Grund für Reisefieber. Schon viele Wochen vorher beginne ich mit dem Packen, trage alles Benötigte zusammen, oft fällt mir dann doch noch dies oder jenes ein, das sinnvoll wäre und unbedingt mitmuss. Beim Einpacken selbst wird klug geschichtet, nach Gewicht und Knittergefahr, jede Ritze ist genutzt. Eine wahre Kunst, die Freude bereitet! Und erstaunlich, wie viel für alle Eventualitäten selbst in einen 40- oder 50-Liter Rucksack passt. Allerdings gilt: je kleiner, desto besser. Einerlei, wo es hingehen soll: auf den Spuren meiner Vorfahren durch Böhmen, Sprachreise nach Florenz, Kameltrekking in der Wüste oder Erkundungstage im Grödnertal. Voller Entdeckerfreude, die auch in vergnügliche “Live-dabei-Reiseberichte” einfließt.

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Sabine Schmid – passioniertes Einfangen detailverliebten atmosphärischen Erlebens, Sehens, Gehens: In lebendigen Texten, Bildern oder verdichtet zu Lyrik. Am Berg oder beim Entdecken neuer Orte und Landschaften – immer minimalistisch mit Rucksack.

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Helga’s Reisen um die Welt mit dem blauen Samsonite

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von Helga Maria Gorfer

Aus besonderem Anlass denke ich nach vielen Jahren an meinen ersten, eigenen Koffer, einen himmelblauen Samsonite. Bis auf eine Flug- und eine Schiffsreise, war er immer in meiner Gesellschaft unterwegs. Am Ende aber landete mein Koffer in einem Altersheim und kam nicht wieder zu mir zurück. Vielleicht hat er sich dort zur Ruhe gesetzt oder wurde ganz einfach aus Altersgründen entsorgt. Auch gut – er hatte ein langes und sehr aufregendes Leben.

Der_blaue_Samsonite_KofferMein Koffer war einer der ersten Hartschalenkoffer mit Rollen und einem Griff zum Ausziehen. So konnte man ihn vor sich herschieben oder aber hinter sich herziehen und bei Nichtgebrauch an der Seite einklappen – ultramodern in dieser Zeit und vor allem sehr teuer. Meine Mutter hat ihn zusammen mit mir in Meran ausgesucht. Ihr Geschenk für meine bevorstehende Reise, die mich über den Atlantik führen sollte.

Es war im Jahr 1981, als ich im Dezember den besagten Koffer packte, um eine Stelle als Au-pair-Mädchen in Vancouver/Canada anzutreten. Auf seine erste Reise allerdings musste ich den Koffer  alleine schicken, mit einem Cargo-Transportflugzeug wegen seines Übergewichts. Ich folgte ihm ein paar Wochen später, ebenso allein und aufgeregt auf dem Weg ins große Abenteuer.

In Vancouver angekommen, erwartete mich mein blauer Samsonite im Depot des Flughafens und nun begann eine aufregende Zeit in einer Großstadt, und für mich am  schönsten Platz der Welt: Berge, Meer, neue Freunde, viele Eindrücke und aufregende Momente haben mir das Land und seine multikulturellen Bewohner geschenkt. Mein Koffer, neu und ohne Blessuren, musste mehr als zwei Jahre auf seine Heimreise nach Italien warten. Ab und zu war ich mit leichterem Gepäck unterwegs: in den unendlichen Weiten Canadas, den USA und auch auf Hawaii. Im März 1983 beschloss ich, nach langem Hin und Her, nach Südtirol zurückzukehren. Also musste mein blauer Koffer wieder eine Reise alleine antreten, diesmal mit dem Schiff nach Europa, Zielhafen Genua. Ich folgte ihm später wie schon einmal mit dem Flugzeug.

In der Zeit danach begleitete mich der Koffer durch ganz Europa: Er blieb mit mir mehrere Jahre in der Schweiz, einige Monate in Spanien, eine Zeitlang in Frankreich. Dazwischen pausierte er auf meinem Kleiderschrank und verstaubte, bis ich ihn wieder herausholte und mich mit meinem Mann 1993 auf eine Weltreise begab. Auf allen Flughäfen rund um die Welt leistete er mir die allerbesten Dienste, nicht nur als Transportmittel für mein Hab und Gut, sondern auch als Sitzgelegenheit, wenn ich nach Stunden des Wartens oder wegen des Jetlags sehr müde war. Inzwischen war auch er älter geworden, die Spannung um die Schlösser ließ nach, und so musste ihn all die restlichen Jahre ein schönes rotes Band zusammenhalten.

Helga_Maria_GorferDie letzte Reise allerdings war eine ohne Wiederkehr. Nachdem mein Koffer mich  schon mehr als 25 Jahre auf allen Reisen und Abenteuern dieser Welt begleitete, musste meine Mutter ins Altersheim. Frauen ihrer Generation kamen meistens nicht über ihre Heimatgrenzen hinaus. Sie besaß deshalb auch keinen Koffer und so kam der blaue Samsonite wieder zum Einsatz. Dort hinein packten wir ihre Sachen und er begleitete sie mit ins Heim nicht weit von zuhause. Einige Male wollte ich ihn dann mit nach Hause nehmen, aber meine Mutter ließ das nicht zu. Sie war der Meinung, ihr Aufenthalt im Heim wäre nur von kurzer Dauer und sobald sie sich gesundheitlich erholt hätte, würde sie mit meinem blauen Koffer wieder nach Hause zurückkehren. Also ließ ich den Koffer dort. Meine Mutter verstarb 2010, sie war 88 Jahre alt, mein Koffer 31. 

Helga Maria Gorfer – ehemalige Weltenbummlerin, 62 Jahre alt, aus Schlanders, im Ruhestand, Schreiberin aus Leidenschaft und Haiku-Dichterin

 

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Ich habe einen Koffer

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Foto: © Fabiano Bressan

von Bettina Conci

Ich habe einen Koffer. Er ist aus Hartplastik, leuchtend rot und hat Rollen. Ein bisschen alt ist er schon, und genau genommen ist es auch nicht mein Koffer, denn ich habe ihn geschenkt bekommen. Es ist ein guter Koffer, wurde mir gesagt, mit ein paar Gebrauchsspuren, aber noch intakt und brauchbar.

Der rote Plastikkoffer war bereits in Sri Lanka und auf ein paar griechischen Inseln gewesen, bevor er in meinen Besitz gelangte. Er hatte meine Eltern auf ihrer Hochzeitsreise begleitet und problemlos in jedes Auto gepasst. Auch war er überraschend leicht.

Unmittelbar, nachdem ich ihn bekommen habe, habe ich den Koffer weiterverliehen.

Der Amerikaner war eine Erasmusbekanntschaft. Wir hatten uns in Madrid kennengelernt und ineinander verguckt, bevor wir weiterzogen. Er nach Südkorea, um Englisch zu unterrichten, und ich zurück nach Hause, um mein Studium zu beenden. Der Kontakt blieb aufrecht, und so kam es, dass er mich einige Jahre später besuchen kam, mit nichts als einem Karton mit seinen wichtigsten Habseligkeiten im Gepäck und dem schalen Geschmack einer vergangenen Liebe behaftet. Die Erwartung hielt der Wirklichkeit nicht stand und ich es nur drei Tage mit ihm aus. Der schäbige Karton mit seinen Sachen zerfiel vor unseren Augen wie das Bild, das wir voneinander gehabt hatten.

Am Bahnsteig wartete ich ungeduldig, bis der Zug Richtung Mailand Malpensa um die Ecke gebogen und der rote Koffer nicht mehr zu sehen war. Dann atmete ich auf.

Ich habe einen Koffer. Er ist aus Hartplastik, leuchtend rot und hat Rollen. Darin liegen einige alte, löchrige T-Shirts und ein Paar elegante Schuhe, ein Stapel Englischbücher und ein Rasierapparat. Und ein paar verstaubte Erinnerungen.

Ich habe einen Koffer. Er steht jetzt in New York.

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Der rote Koffer

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von Gabriele Crepaz

Wir teilen uns einen Koffer. Ein kleines Ding von der Art einer Reise-Bonbonniere, zweifellos als Einzelstück gedacht für einen Einzelmenschen. Großspurig könnte es als Beauty Case durchgehen, wie es einem zufälligen Reisegefährten einfiel, als er fragte: „Und wo ist der Koffer mit Ihren Kleidern?“ Ein leuchtend roter Fleck, den ich damals hinter mir herzog, neu auf schnurrenden Rollen, heute ausgeleiert vom Gewicht des Reisens, in der Begleitung fremder Koffer aufgerieben und angeschmiert vom Aufkleber einer penetranten Fluggesellschaft. Erbeutet und zerbeutelt.

Der Koffer gehörte mir, als ich ihn erwarb. Allein mir. Er war meiner, als ich ihn heimtrug, auch noch im Stiegenhaus und als ich ihn in der Wohnung abstellte. So lange bis ich im Schlafzimmer den Deckel aufschlug. Ich sah ihn, wie er um den Koffer herumschlich. Anstandshalber wartete er, dass ich meinen Pyjama hineinlegte. Dann faltete er seidig seinen Körper darüber. Niedlich, dachte ich noch, obwohl er mich gleichgültig fixierte, aus seiner Thronhaltung, als ich mit Strümpfen und Unterwäsche vor ihm stand. „Hau ab“, sagte ich streng. „Niemals“, er. Spinner!? Mir egal! Nun? Nein! Ein neuer Machtkampf? Schlimmer: Ich spielte den Clown, er war die Sphinx.

Als er endlich aufstand, gehörte der Koffer ihm. Seine Trophäe roch streng und dunkel und nass aus den Streifen meines Pyjamas. Ich fluchte. Er zog powackelnd ab.

Das Duell war entschieden. Ich besitze den Koffer. Er besetzt ihn. Auf immer. Kein Putzalkohol hilft, wenn es darum geht, den Schiedsrichter im Gehirn zu überlisten. Er hat seine Marke gelegt. Nichts Beschreibbares, nur eine Nasensache mit direktem Draht zum Limbischen System. Egal wie lang eine Reise auch sein mag, egal, welche Düfte ich mitbringe, der Koffer riecht ihm vertraut.

Jede Begrüßung nach meiner Rückkehr ist eine Farce, die er mir zuliebe mitmacht. Denn er war sich die ganze Zeit über meines Koffers sicher.

Es ist Rache, denke ich. Von einem, der sich kaum traut, die Treppen hinunter ins Freie zu laufen. Der sich im Haus verschanzt und nur den Sprung aufs Dach wagt, wo er sich mit den Krähen streitet und diesen feindselig nachsieht, wenn sie zurück in den Himmel fliegen. Der vom Fensterbrett aus beobachtet, wie sich unter ihm die Welt bewegt.

Er lässt reisen und erschnuppert die Welt aus den Gerüchen, die mit dem Koffer zurückkommen. Während wir so tun, als zögen wir mutig in die Welt hinaus, dafür jedoch in den Koffer die Vertrautheit von zu Hause einpacken, um uns draußen nicht verloren zu fühlen. Das Nest für unterwegs. Der Geruch der kleinen in der großen Welt. Und es fällt uns im Traum nicht ein, einen fremden Koffer vom Band zu ziehen. Den Geruch eines anderen. Pyjama, Parfüm, Pissspuren. Wir warten, bis der eine Koffer kommt.

Mein Koffer. Der schöne Schein ist alles. Neuerdings klappe ich den Koffer zu, während ich packe. Oder sperre den Besetzer aus dem Zimmer, wenn ich mich anschicke zu verreisen. Das wirkt. Bis ich den Koffer im Hotel öffne und ein rotblondes, drei Zentimeter langes Haar auf meinen schwarzen Sachen finde. Und noch eines. Und noch ein weiteres.

Wir teilen uns einen Koffer. Mein Kater und ich.

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Nur Fliegen ist schöner

Robert Asam

Von Robert Asam

So etwas kann nur jemand behaupten, der noch nie als Gepäckstück durch die Welt geflogen wurde. Ich hasse Flugreisen! Bitte, verstehen Sie mich nicht falsch, aber masochistische Instinkte waren bei mir noch nie besonders ausgeprägt. Ich halte als Hartschalenkoffer einiges aus. Ich bin kein Weichei. Aber wer lässt sich schon gern andauernd durch die Gegend werfen. Das fängt schon damit an, dass mich mein Besitzer so schnell es geht meinem Schicksal überlässt. Dann stehe ich auf einem Laufband, das die blöde Angewohnheit hat, ruckartig anzufahren, und sofort um die Ecke zu biegen. Ich weiß, dass das kommt, aber ich kann nichts dagegen tun und falle auf die Schnauze. Schnauze ist vielleicht übertrieben, aber es haut mich mit voller Wucht zur Seite. Anschließend werde ich durch irgendwelche dunklen Schächte oder Rohre befördert, auf einen Transporter geworfen, um dann nach kurzer Zeit erneut auf einem Förderband zu landen. Andauernd packt mich irgendein grober Klotz und zerrt und reißt an mir herum. Dann verbringe ich Stunden in einem stockfinsteren Frachtraum, womöglich in Gesellschaft eines Rucksacks, der noch nie ein Stück Seife gesehen hat, muffigen Taschen und eingedrückten Pappkartons. Möchten Sie in solcher Gesellschaft reisen? Mit etwas Glück liege ich halbwegs bequem, aber häufiger ganz unten. Zum Glück habe ich eine harte Schale. Wenn es wieder hell wird und ich frische Luft bekomme, beginnt die ganze Prozedur von vorn, natürlich in umgekehrter Reihenfolge.Robert Asam Koffer„Wer eine Reise tut, der kann was erzählen“, haben meine Vorfahren gesagt. Die hatten leicht reden, wurden sie doch von höflichen Dienstboten mit Samthandschuhen angefasst, vorsichtig dahin oder dorthin gestellt, auf ein Schiff getragen oder in ein nobles Hotelzimmer. Von einigen weiß ich, dass sie die gesamte Reise auf dem Auto festgeschnallt waren und den Fahrtwind und die Aussicht genießen konnten. Aussicht? Keine Ahnung, was das ist. Und herumgetragen hat mich auch noch niemand! Meistens werde ich gerollt, fast immer von gestressten Menschen, die sich nicht einmal die Mühe machen, mir das Treppensteigen zu ersparen. Bumm, zack, Bumm, zack! Und dann wundern sie sich, wenn meine Rollen das nicht aushalten. Als Koffer kannst du dich gegen solche Umgangsformen nicht wehren. Einmal habe ich mein Nummernschloss verstellt, ohne dass es mein Besitzer bemerkt hat. Daraufhin hat er mit einem Taschenmesser so lange an mir herumgestochert, bis ich nachgegeben habe. Und wissen Sie, was das Absurdeste an einer Flugreise ist? Niemand garantiert mir, dass ich am Ende dort ankomme, wo mein Besitzer auf mich wartet. Gerade drehe ich wieder unzählige Laufbandrunden in…, ja, wenn ich das wüsste. Jedenfalls ist niemand da, der mich abholt. Ganz unter uns, ein bisschen Schadenfreude verspüre ich jetzt schon, wenn ich daran denke, dass mein Besitzer ganz woanders auf mich wartet. Das hat er nun davon. Und ich? Ich habe auch nichts davon, denn bald kommt ein grober Heini, packt mich, wirft mich auf einen Gepäckwagen, und dann geht es mit dem nächsten Flieger wieder zurück. Drücken Sie mir die Daumen, dass der Zielort diesmal mit dem Reiseziel meines Besitzers deckungsgleich ist. Soll mir noch jemand sagen, nur fliegen ist schöner! Von wegen.

 

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Ich packe meinen Rucksack und nehme mit…

Marlene_Lobis

von Marlene Lobis

Diese Reise ist meine erste große Backpacking-Reise, mein „Pukkanakka-Projekt“: Pukkanakka bedeutet im Südtiroler Dialekt etwas Schultern, am Rücken tragen – wie eben den Rucksack. Als ich meinen Rucksack gepackt habe, lautete die Devise, nur das Nötigste mitzunehmen. Für mich als Backpacking-Anfängerin war es ein kompliziertes Unterfangen, meinen Rucksack für eine mehrmonatige Reise zu packen. Ich habe unzählige Pack-Listen von erfahrenen Weltreisenden verglichen und mich strikt daran gehalten. Einige Dinge hat mittlerweile der Wäscheservice geschluckt, einiges hätte ich daheimlassen können, aber prinzipiell bin ich mit dem Inhalt meines Rucksacks zufrieden.

Doch nicht für alles gibt es Checklisten. Neben den fast 15 Kilo, die ich in meinen Rucksack gepackt habe, schleppe ich auch meinen unsichtbaren Rucksack mit: Meine Träume und Wünsche, meine Vorstellungen und Erwartungen, meine Leidenschaften und Laster. Wer ich war, wer ich bin und wer ich sein will. Ich bin überzeugt, dass man auf Reisen viel lernen kann. Nicht nur über andere Menschen, Kulturen, Länder, auch über sich selbst. Alle paar Tage an einem anderen Ort zu sein, das heißt auch: Ich kann viele verschiedene Versionen von mir zeigen. Außerdem habe ich jede Menge Zeit, um über das Leben im Allgemeinen und mich selbst im Speziellen nachzudenken. Besonders auf all den langen Busfahrten.

Nein, ich bin auf keinem Selbstfindungstrip. Jedoch weiß jeder, der ab und zu allein reist: Das ist gut für ein gewisses Maß an Psychohygiene. Ich mag das. Aber ganz ehrlich: Ich bin ziemlich schockiert darüber, dass ich meinen inneren Unruhehund auf diese Reise mitgebracht habe. Der stand auf keiner Liste. Hand aufs Herz, wir kennen sie doch alle, diese inneren Dämonen: das Engelchen und das Teufelchen, den Faulpelz, das verängstigte Häschen, den inneren Schweinehund … Während meiner Reise taucht allerdings immer wieder dieses neue Gefühl auf: Ich nenne es „meinen inneren Unruhehund“. Und der hüpft wild herum, will alles sehen, erleben, Sachen machen. Dabei will ich absolut keine „Been there, done that“-Touristin sein, alles schnell abklappern, damit ich es von meiner „Bucket List“ abhaken kann.

Doch wenn im Hostel ein anderer Backpacker fragt: „Warst du denn schon in …“, dann fängt der innere Unruhehund an, fröhlich mit dem Schwanz zu wedeln, beim Kommentar: „Das ist voll die krasse Erfahrung“ oder „ein MUST SEE“ springt er aufgeregt in die Luft und schlägt Purzelbäume, will am liebsten sofort losstarten.

Diese Reise soll eine Auszeit sein, die nur mir gehört. Ich habe lange davon geträumt und kein Rückflugticket gebucht. Im Grunde habe ich alle Zeit der Welt. Ich könnte mich einfach in die Hängematte legen und drei Tage lang schlafen, wenn mir danach ist. Das sage ich mir immer wieder. Doch da ist eben dieser unsichtbare, hyperaktive Köter. Ich bin im Urlaub – und gestresst.

Es gibt ihn, den Reise-Burnout. Dahin will ich nicht, eh klar. Nur frage ich mich: Wie überwinde ich meinen inneren Unruhehund? Yoga? Ein Besuch beim Schamanen? Mein unsichtbarer Rucksack wiegt mehr, als ich dachte. Und ich bin erstaunt, dass ich dieses Stressvieh nicht in die Ecke schicken kann, zum „Platz“ machen. Vielleicht war dieses innere Hündchen schon vor der Reise da, aber blieb brav in seinem Körbchen. Oder ich hatte einfach in der Arbeit so viel zu tun, dass es immer zufrieden war? Jetzt, auf dieser Reise, habe ich diese Unruhe erstmals so richtig gefühlt. Und es kostet mich viel Kraft, damit umzugehen. Sobald ich mich auf die Couch lege oder in ein Café setze und mir vornehme, mal nichts zu tun (und auch nichts zu planen!), pieselt mir mein innerer Unruhehund ans Bein. Er will Gassi gehen, was erleben. Und was mache ich? Ich hole die Leine und wir gehen los.

Marlene Lobis (Textauszug aus einer Kolumne, entstanden während einer 9-monatigen Rucksackreise durch Südamerika im Jahr 2016)

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Josef Haberzettl – Vom Küchenchef zum Hotelier (Teil 4)

 

 

Bad Kissingen (1913 – 1937)

Im Alter von 56 Jahren, nach der Führung eines Restaurants in Teplitz und eines großen Hotels in Kolberg, kaufte Josef Haberzettl das Hotel Regina und zog im November 1913 mit seiner Frau und den beiden Töchtern Rosa (19 Jahre) und Margarete (14 Jahre) nach Bad Kissingen.

Die Söhne Viktor, zum Zeitpunkt der Übersiedlung nach Bad Kissingen bereits 25 Jahre alt, und Sohn Fritz, 18 Jahre alt, scheinen in den Melderegistern nicht auf.

 

Das Hotel Regina befand sich am Fuße des Altenbergs, umgeben von einer großen Parkanlage, ca. fünf Minuten von den Trinkhallen und Bädern des Ortes entfernt.

 

Hotel Regina am Altenberg in Bad Kissingen, aus der Broschüre des Genesung- und Erholungsheims Bad Kissingen des Landesverbandes Bayrischer Krankenkassen e.V. Sitz Nürnberg.

 

Leider weiß man wenig über den Betrieb des Hotels während des ersten Weltkrieg und in der unmittelbaren Nachkriegszeit bis zum Verkauf im Jahre 1925.

In einer Schrift über die Regina Klinik – das Haus wurde nach dem Ersten Weltkrieg an den   Deutschen Krankenkassen Hauptverband verkauft und in ein Kurheim umfunktioniert -, heißt es, dass das Haus, von der Familie Haberzettl geführt,  vor dem Ersten Weltkrieg mit seiner komfortablen Ausstattung zu den bestgeführten Einrichtungen in Bad Kissingen zählte.

Nach dem Verkauf im Februar 1925 wurde das gesamte Gebäude renoviert und die Ausstattung der 82 Zimmer erneuert. Da das Haus nach der Renovierung äußerlich keine größeren Zubauten aufweist, gehe ich  davon aus, dass das Hotel bereits vor dem Verkauf ungefähr 80 Zimmer zählte und 130 Betten.

In einem älteren Aufsatz, leider kenne ich das Entstehungsjahr nicht, skizziert Bernd Werner, die Entwicklung vom Hotel Regina zur Schwerpunktklinik. Dort findet sich auch ein Foto der Belegschaft und der Inhaber des Hotels von 1911.

Wenn man davon ausgeht, dass die Personen, welche um den kleinen Tisch herum positioniert sind und die 2 Jungs, die auf dem Boden bzw. auf einem kleinen Hocker sitzen, zur Inhaberfamilie des Hotels zählen, bestand die Hotelbelegschaft 1911 aus 27 Personen, 15 männliche und 12 weibliche.

Aufgrund der Bekleidung bzw. Uniform möchte ich versuchen, die Angestellten den einzelnen Berufsgruppen zuzuordnen.

Belegschaft Hotel Regina 1911

 

Die männlichen Personen mit Schildmütze können eindeutig dem Empfangspersonal an der Portiersloge zugerechnet werden:

Nr. 21 sitzend, ist der Concierge, er tragt eine Mütze auf der vermutlich der Name des Hotels stand und am Revers seiner Jacke sind die Abzeichen der „Clefs d’or“ oder „Goldene Schlüssel“ zu erkennen.

Nr. 27 könnte der zweite Portier oder Kondukteur sein, der die Gäste mit dem Hotel-Omnibus (vom Pferd gezogen) vom Bahnhof abholte und zum Bahnhof brachte, die Koffer trug und vielleicht auch gleichzeitig als Nacht-Portier tätig war.

Nr. 16 ist ein junger Bursche, der aber auch eine Schildmütze und Anzugjacke trägt, vielleicht ein Auszubildender, ein Hilfs-Portiers, der auch für Kommissionen oder das Tragen der Koffer zuständig war.

Nr. 1 könnte der Chauffeur sein, der sich an das Auto lehnt (ein Reifen ist sichtbar).

Concierge aus dem Manuale dell’Industria Alberghiera von 1929.

 

Im Handbuch für die Hotelindustrie, “Manuale dell’Industria Alberghiera”, 1923  vom Touring Club Italiano herausgegeben, wird die Berufsbekleidung des Concierge oder Logenportier folgendermaßen beschrieben:

Er trägt einen Gehrock mit schwarzen Samtaufschlägen am Kragen und an den Ärmeln und 2 gekreuzte aufs Revers gestickte Schlüssel (S. 330). Am Abend trägt er eine weiße Weste.

Alle anderen tragen einen schwarzen Anzug, die Jacke (giubba) soll vollständig zugeknöpft sein.  In manchen Hotels unterscheidet sich das Portierspersonal durch einen goldenen Streifen am Kragen und an den Ärmeln.

 

 

 

 

 

Die jungen Männer mit den Nr. 25 und 26, bekleidet mit Gilet und Schürze, könnten Hoteldiener oder Hausknechte (valet de chamber) gewesen sein.

Die weiß gekleideten Männer links im Bild können eindeutig der Küche zugeordnet werden:

Nr. 3, sitzend, dürfte der Küchenchef, Nr. 2 stehend könnte der Hilfs-Koch gewesen sein. Sicher gab es auch weibliches Küchenpersonal, vielleicht die Frauen Nr. 20 und 23, stehend, mit schwarzen Kleidern, weißem Häubchen und Schürze bekleidet. Über die Bekleidung des weiblichen Küchenpersonals weiß man leider nicht viel mehr, als dass sie sicher Schürzen trugen. Es ist aber unklar, ob sie auch Kopfbedeckungen, sog. Häubchen trugen.

 

Le Petit Journal vom 23. Mai 1897, Sammlung Touriseum.

Hier zum Vergleich die Abbildung aus einer französischen Zeitung, die einen Küchenchef (Chef de cuisine, 3.v.l.), einen Hilfskoch (aide cuisinier, 1. v.l.), einen Hoteldiener (valet de chambre, 5.v.l) einen Kellner (4.v.l.) und einen Maitre d’hotel (6.v.l.) mit entsprechender Berufskleidung zeigt.

 

Die zwei Frauen, Nr. 22 und 24, sitzend, mit den weißen Latzschürzen und Häubchen, die typischen Dienstboten-Tracht, könnten die Zimmermädchen gewesen sein.

Beschreibung der Berufskleidung der Zimmermädchen aus dem “Manuale dell’Industria Alberghiera” von 1923.

 

Die restlichen acht Frauen (Nr. 10, 11, 12, 13, 15, 17, 18 und 19) könnten sowohl als Gouverante, Beschließerin (Wäscheausgabe und –kontrolle), Wäscherinnen, Büglerinnen und Küchenhilfe gearbeitet haben, vielleicht war auch eine Personalköchin darunter, die das Essen für das Personal zubereitete.

Zwischen den Frauen in der Mitte des Bildes, mit der Nr. 14, steht ein junger Mann, mit Krawatte und Anzugsjacke bekleidet. Vielleicht handelte es sich dabei um den Sekretär oder Buchhalter.

Auf der linken Seite des Bildes fanden die Kellner Aufstellung, Nr. 8, sitzend, war vielleicht der Oberkellner, Nr. 4 der Piccolo, und Nr. 5 – 9 die Saalkellner.

 

Broschüre des Erholungsheim “Regina”.

Wie bereits erwähnt, verkaufte Josef Haberzettl das Hotel im Februar 1925 und es wurde ein Kurheim der Krankenkassen. Er und seine Frau blieben aber weiterhin in Bad Kissingen.

Von den Kindern weiß man, dass Viktor, 1920 Student der Philologie, 1921 nach Karlsbad übersiedelte und von Beruf “Beamter” war.

Fritz fiel im Ersten Weltkrieg. Tochter Rosa übersiedelte 1918 nach Berlin, Tochter Margarethe zog 1919 von Bad Kissingen nach Magdeburg.

Josef Haberzettl starb im Jahr 1937 und seine Frau Luise geb. Lössl starb fünf Jahre später, im Jahr 1942 in Bad Kissingen.

 

Karin Maringgele

 

Josef Haberzettl – Vom Küchenchef zum Hotelier (Teil 3)

 

Teplitz-Schönau (1895 – 1899)

Im Oktober 1895 gab Josef Haberzettl im Teplitz-Schönauer Anzeiger die pachtweise Übernahme des fürstlich Clary’schen Schlossgarten-Restaurant bekannt. (Teplitz-Schönauer Anzeiger vom 5. Oktober 1895)

Anzeige im Teplitz-Schönauer Anzeiger vom 5. Oktober 1895, Österreichische Nationalbibliothek..

 

Zu diesem Zeitpunkt war Josef Haberzettl 39 Jahre alt.  Die Stadtverwaltung von Teplitz begründete ihre Entscheidung, ihm eine Konzession zur Führung einer Restauration, wie man damals sagte, zu geben mit der “Reihe vorzüglicher Zeugnisse”, die “nachweisen, daß er als Küchenchef hervorragender Häuser im In- und Auslande das Beste in seinem Fache leistete”.

In den „neurenovirten Localitäten“ servierte er „feinste französische, deutsche und Wiener Küche“ und bot “feinste Bordeaux, Burgunder-, Rhein- und Moselweine” an, aber auch verschiedene Biere, wie Pilsner, Münchner Löwenbräu und Turner Bier.

Das Restaurant hatte vermutlich von Mai bis Ende September für die Kurgäste geöffnet. In dieser Zeit wurden Mittags – Konzerte  oder auch große Abendkonzerte mit Feuerwerk veranstaltet.

 

Inserat von Josef Haberzettl im Teplitz-Schönauer Anzeiger vom 22. Mai 1897, Österreichische Nationalbibliothek.

 

Im Oktober wurden “Tanzkurse verbunden mit Anstandslehre” im fürstlich Clary’schen Gartensaal angeboten, in den Wintermonaten bot Haberzettl seine Lokalitäten für Hochzeiten, Festlichkeiten, Diners oder Bälle an und auch seine Dienste für die Zubereitung von kalten Buffets oder kalten Platten. Wir würden heute sagen: Saal-Vermietung mit Catering.

 

Der nächste Schritt auf der Karriereleiter wird durch folgendes Inserat Ende Oktober 1899 angekündigt:

“Übersiedlungshalber in’s Ausland verkaufe, um Zoll- und Frachtspesen zu ersparen, mein sehr fein gewähltes Lager von Bordeaux-, Burgunder-, Rhein- und Moselweinen der bestrenommiertesten Firmen (…)”, außerdem verkaufte Josef Haberzettl Kupfer- und Stahl-Kochgeschirr, verschiedene Kücheneinrichtungsgegenstände, Servis-Plateaus, Holzgefäße, Arbeitstische, ein Kanapé, einen zweisitzigen Kinderwagen, Kinderbetten, Bettstellen, Speis- und Vorratsschränke, einen großen Eiskasten und vieles mehr.

Ein großer Haushalt wurde hier aufgelöst. Die Familie Haberzettl hatte in der Teplitzer Zeit Zuwachs bekommen, im November 1895 wurde Sohn Fritz geboren und im Juli 1899 Tochter Margarethe.

 

Ostseebad Kolberg (1899 – 1913)

Die nächste Station wurde das Hotel Strandschloss im See-, Sol- und Moorbad Kolberg an der Ostsee (Kolobrzeg – im heutigen Polen).

 

Hotel Strandschloss, Kolberg, Digitale Bibliothek Mecklenburg-Vorpommern https://digitale-bibliothek-mv.de/viewer/image/PPN1668791587_1912/44/

Mit “Strandschloss” wurde das Kurhaus des Ostseebades bezeichnet, das mit einem Hotel verbunden war. Es befand sich direkt am Strand und wurde 1899 von den Berliner Architekten Höniger & Sedelmeier (Hoeniger & Sedelmeyer) als ein Renaissancebau mit charakteristischen Türmen und Erkern neu errichtet. (Siehe dazu Deutsche Bauzeitung Heft 5 vom 2. Mai 1900.)

Im Kurhaus gab es einen Konzertsaal, Speisesaal und Restaurationshallen, der Hotelbau enthielt im Erdgeschoss ein Spiel-, Lese- und Musikzimmer und in den oberen Stockwerken 53  bzw. spätere Angaben sprachen von 60 Fremdenzimmern. Die Säle für die Table- d’hote des Hotels lagen im 1. Geschoss über dem Speisesaal des Kurhauses.

In einer Besprechung des Hotels von 1909 liest man: „Der Besitzer dieses feinen Hauses, Herr Haberzettel, ist ein Österreicher und bringt als solcher neben der deutschen und französischen  auch die Wiener Küche zu den gebührenden Ehren.“ (Deutsch-Englischer-Reise- Courier vom 1. Mai 1909). Das Haus war zudem mit Lift, Wasserklosetts und einer Auto-Garage für 5 Autos ausgestattet.

 

Werbeinserat in der Zeitschrift “Deutsch-Englischer-Reise-Courier” von 1909, Österreichische Nationalbibliothek.

 

 

(Fortsetzung folgt)

Karin Maringgele