Ich packe meinen Koffer

von Carmen Schymalla – Seidner

Ich packe meinen Koffer und nehme mit … meinen Föhn, ohne den fahr ich nirgendwohin.

Ich packe also meinen Koffer für die nächste Auszeit. Kein Thema, ich bin strukturiert und weiß was ich mitnehmen will und werde.

Doch wo packe ich mein ganzes Zeug rein? Schon wieder in die schäbige Reisetasche mit dem Werbeslogan der Bank drauf? Und dann mit dem hässlichen Teil ins Hotel? Wie sieht denn das aus?

Armselig, schließlich handelt es sich um ein Hotel der Luxusklasse.

Aber was soll ich machen? Etwas Anderes steht jetzt auf die Schnelle nicht zur Verfügung, außer dem riesigen, giftgelben Hartschalenkoffer auf dem Dachboden. Allerdings, der ist erstens viel zu groß und zweitens, auch schäbig.

Es hilft nichts, die fürchterliche Reisetasche ist ausreichend für den Inhalt.

Und während ich nun meine Kleidung, Wäsche, ach ja, der Schmuck zum Lieblingskleid darf ja auch nicht fehlen, und schließlich meinen Föhn in das längst ausrangierungsbedürftige Teil verstaue, ärgere ich mich zum gefühlt tausendsten Mal darüber, dass ich es immer noch nicht geschafft habe, mir einen schönen neuen Koffer zu kaufen.

Mit meinem letzten zusammengekratzten Selbstbewusstsein checke ich also samt der verhassten alten Werbetasche im Nobelhotel ein und tue so, als ob eine Frau von Welt sich schließlich nicht über ihre Gepäcksstücke definieren muss.

Understatement ist die Devise, auf die ich in meiner Not baue. Die merkwürdig mitleidigen Blicke der Rezeptionistin versuche ich tapfer zu ignorieren. Wenn ich ehrlich bin, es ist ein Graus.

Endlich im Zimmer packe ich mein Zeug samt Föhn aus der Tasche, dabei glotzt mich der Werbeaufdruck herausfordernd an und mein Mann muss sich zum gefühlt tausendsten Mal meinen Frust über das leidige Plastikteil anhören, bevor ich es schließlich in die letzte Ecke des Schrankes verbanne, wo ich es nicht mehr sehen muss.

Schymalla_Seidner_KofferDas ist nun schon ein Weilchen her und wisst ihr was?

Inzwischen bin ich stolze Besitzerin eines wirklich schicken neuen Koffers, aus edlem Material mit etwas feinem Leder und vor allem das Emblem lässt ein wenig Luxus vermuten.

Es ist ein Geschenk meines werten Göttergatten, der sich damit vor allen Dingen selbst einen Gefallen getan hat, hat er sich doch schließlich und zu guter Letzt von meinem ständigen Lamentieren über verabscheuungswürdige Reisetaschen erlöst.

Mit dem eleganten Stück kann ich nun endlich „angemessen“ in jedem noch so noblen Hotel unauffällig einchecken.

Aber HALT. Unauffällig? – Will ich das? – Egal.

Ich liebe meinen neuen Koffer. – Die nächste Reise kann kommen …

 

Jede Woche eine neue Koffergeschichte!

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Eine Begleitaktion zur Sonderausstellung „Packen, tragen, rollen – Reisegepäck im Wandel der Zeit“ (2021)

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