Papas Koffer

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von Markus Westphal

Er steht immer da, neben der Schlafzimmertür. Wohl seit ich vor drei Jahren in die Wohnung eingezogen bin. Eine Rolle mit goldenem Schleifenband, für Geschenkpakete, liegt auf ihm. Muss sie irgendwann dort hingelegt haben. Papas Koffer. Berlin. Dorthin sollte er mich begleiten. „Nach Berlin geht man nicht, nach Berlin wird man gerufen.“, sagen die alten Schauspieler. Ehrlich gesagt, ich weiß gar nicht, ob es Papas Koffer ist. Ich habe meine Mutter irgendwann gefragt, ob Sie einen Koffer hätte und sie gab mir diesen. Jedenfalls sind wir irgendwie verbunden. Mein Vater, der aus Berlin stammte, der Koffer, die Stadt selbst und ich… durch ein goldenes Band. Wenn ich so drüber nachdenke, scheint es mir, wie der Bausatz eines irgendwann zu packenden Geschenkes, das ich mir wünsche. Oder wünschte? Wenn ich die Wohnung fege, sehe ich ihn und erinnere mich, warum er dort steht. Immer griffbereit. Für den Fall, dass der Anruf kommt. Aber er kommt nicht. Er wird nicht kommen. Wir sind gefangen. Wir können nicht weg. Gebunden durch ein goldenes Band. An diese Wohnung, dieses Dorf, dieses Land. – Unser Exil. Fern ab vom Kolosseum – Dazu verdammt vor der Tür zu stehen und zu warten. Worauf?
Er löst sich langsam auf. In viele Städte hat er mich begleitet. Sein hellbraunes Leder wird spröde. Ein Verschluss ist eingerissen. Im Inneren hat sich die rotweißkarierte Verschalung gelöst. Ob wir die Reise noch schaffen würden? Wir sind alt geworden. Fast meine ganzen Dreißiger habe ich dem Glanz der großen Häuser geopfert. Andere haben Familien gegründet. Häuser gebaut. Fürs Alter vorgesorgt. Mein Koffer und ich haben Regisseure abgeklappert. Gesucht. Geträumt. Gehofft. Auf ein Haus, dass uns interessiert, eine Gruppe zu der wir passen, auf Geschichten die es wert sind, erzählt zu werden. Wir sind müde geworden. „Die Zeit ist fast vertan.“, ruft der Tod den Jedermann. Beten wir den falschen Gott an? Wie das Auge von Mordor, strahlt der sich drehende Kreis durch den Nebel, hoch oben, auf dem Dach des Theaters am Schiffbauerdamm, mit seinen magisch erleuchteten Buchstaben. – Ich kann das BE nicht loslassen. Ich bin es uns schuldig. „Du machst das schon.“, sagte mein Vater immer. Ich bin mir nicht mehr sicher. Vor einiger Zeit stand ich an seinem Grab. „Was soll ich jetzt tun?“, fragte ich ihn. In diesem Augenblick flog ein Vogel vorbei… knapp über der Erde. War das seine Antwort? Sei frei?
Was sagst Du, Koffer? Willst du noch einmal gepackt werden? Noch einmal mit ihnen reden? „Aber nicht in diesem Zustand. So runtergekommen wie du bist, kann ich dich nicht mitnehmen.“, sagt der Koffer. „Du siehst auch nicht besser aus.“, antworte ich ihm „Ja, und an wem liegt das?“, „Ist schon gut, ich hab’s verstanden. Also… was machen wir jetzt?“
„Hör auf zu Saufen und zu Fressen und mit du weißt schon was. Ruf deine alte Sprecherzieherin an und bitte sie um Fernstunden.“, „Erledigt.“, „Gut. Geh laufen und wandern, mach deine Gymnastikübungen und werde fit. Vergiss allen Schnickschnack bei deinen Projekten. Fokussiere dich auf Text, Figur und Inhalt. Produziere im kommenden Jahr drei Monologe, mit unterschiedlichen Figuren und lass sie aufzeichnen, für die Bewerbung. Besorg dir einen neuen Anzug, neue Schuhe. Pflanze mindestens einen Baum, richte den Garten in groben Zügen her und am wichtigsten: Sei gut zu deiner Mutter, dann leg ich an höherer Stelle ein Wort für dich ein. Mach alles gleichzeitig und so chaotisch wie du eben bist, wie du’s in den Küchen gelernt hast, nur übernimm dich nicht. Tue zuerst nur das Nötige, dann das Mögliche und dann, das Unmögliche. Kümmere dich um Haus und Hof und reife für die große Bühne. In einem Satz: Werde ein Mann. Und ich werde das machen, was ich schon seit Jahren mache, darauf warten, das du soweit bist…“, „Ist gut Papa, ich meine, Koffer…“, „Und komm mich öfters mal besuchen…“, „Versprochen…“

Jede Woche eine neue Koffergeschichte!

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Eine Begleitaktion zur Sonderausstellung „Packen, tragen, rollen – Reisegepäck im Wandel der Zeit“ (2021)

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