Der große braune Koffer

von Oswald Waldner

Er täuschte Leder vor, war aber nur aus besserem Karton, unhandlich groß, Klappe links, Klappe rechts, Griff und Schloss in der Mitte, es war zum Schämen. Meine Mutter hatte alles, was sie mir ins Studentenheim mitgeben wollte, auf dem Tisch zurechtgelegt, bange sah ich ihr beim Einpacken zu und fürchtete, der Koffer würde nicht reichen. Schon machte ich mir Gedanken, wie ich ihn vom Bahnhof ins Heim schleppen sollte. Die Mutter riet mir zu einem Taxi oder mir von meinem Freund Julian, der mich dort erwarten würde, helfen zu lassen. Mein Bruder fuhr mich zum Bahnhof, den Koffer gab ich als Begleitgepäck auf, um ihn musste ich mich vorerst nicht weiter kümmern. Nach achtstündiger Fahrt und zweimaligem Umsteigen kam ich in der fremden Stadt an. Ein Taxi brachte mich ins Studentenheim, wo mich Julian in unser gemeinsames Zimmer führte. Am nächsten Morgen bot Julian sich an, mit mir den Koffer vom Bahnhof abzuholen. Da es nicht sehr weit war, gingen wir zu Fuß. Ich nahm den Koffer entgegen und war beeindruckt von seinem Gewicht. Ich trug ihn einmal rechts, einmal links und hatte bei jedem Wechsel die Befürchtung, der Griff könnte reißen. Julian ging neben mir her. Als ich den Koffer niederstellte, die Hände ausschlenkerte und ihn auf die Schulter hob, sah ich Julian zum erstenmal grinsen. Bald musste ich den Koffer wieder absetzen und verschnaufen. Wir standen uns auf dem Gehsteig gegenüber. Ich schwitzte und Julian erzählte von Sehenswürdigkeiten, die wir uns in den nächsten Tagen anschauen wollten. Ich hatte keine Lust auf Sehenswürdigkeiten, keine Lust auf die Stadt und auch nicht auf ein Zimmer gemeinsam mit Julian, der zusah, wie ich mich abschleppte. Der Koffer wurde immer schwerer, Julians Grinsen immer boshafter. Ich war mir sicher, dass Julian, den ich bis dahin kaum kannte, nie mein Freund sein würde. In den nächsten Tagen war jeder so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass wir nichts gemeinsam unternahmen. Ich saß im Zimmer und grübelte. Was hatte Julian gegen mich? Was hatte ich ihm getan, dass ich ihm so gleichgültig war? Dann aber fragte ich mich, warum ich ihn denn nicht gebeten hatte, mir beim Koffertragen zu helfen, wie meine Mutter mir geraten hatte. Sah Julian in mir jemanden, der zu stolz war, Hilfe anzunehmen? Hatte er sich einen Freund anders vorgestellt? Tatsächlich nahm Julian sich nach einiger Zeit ein Privatzimmer irgendwo in der Stadt und wir verloren uns aus den Augen. Der große, leere braune Koffer lag bis Jahresende droben auf meinem Kleiderschrank und bildete sich wohl immer noch ein, aus echtem Leder zu sein. Ich nahm ihn genauer ins Visier: Mit den Metallklappen links und rechts, mit Schloss und Griff in der Mitte schien er die ganze Zeit ein breites Gesicht zu ziehen und auf mich herabzugrinsen.

Jede Woche eine neue Koffergeschichte!

Hier geht’s zum Podcast.

Eine Begleitaktion zur Sonderausstellung „Packen, tragen, rollen – Reisegepäck im Wandel der Zeit“ (2021)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.