Das Nachtkästchen

von Paul Rösch

Sie können ruhig Nachtkästchen zu mir sagen, obwohl ich ein normaler Koffer bin, also ein Transportbehälter für eine Reise oder einen Urlaub. Letzteres war ich wohl auch, aber meist diente ich in meiner Vergangenheit als Nachtkästchen neben dem Bett oder – weit öfter – am Boden neben einer Matratze.

Ich lege Wert darauf, meine Rolle als Nachtkästchen hervorzuheben, denn ich war lange der Tresor der Träume, Hoffnungen und Illusionen meines Besitzers, den ich auf Reisen begleitet habe. Als Nachtkästchen diente ich als Ablage einiger weniger Objekte: Lampe, Wecker, Buch. Mein Inneres dagegen diente als Stauraum „intimer“ Objekte. Diese änderten sich immer wieder, wurden ausgetauscht und widerspiegelten die Entwicklung, Gedankengänge, Wünsche und Fehlgriffe meines Besitzers.

Kurz zu mir: Ich bin ein handlicher Koffer, bei den Menschen würde man meine Figur als klein und kompakt definieren und wenn man mich mit zu viel Inhalt versorgt, könnte ich auch als Vollschlank bezeichnet werden. Zudem bin ich aus braunem Lederimitat, ein sogenannter Skai-Koffer. Das Lederimitat war von allem Anfang an ein Kompromiss zwischen dem, was mein Besitzer wollte („ja nicht angeberisch sein!“), und dem, was sich dessen Mutter vorstellte, die den Kauf finanziert hat.

paul_rösch_01Wer aber war mein Besitzer, für den ich eine Zeit lang als treuer Begleiter stückweise auch Heimat war? Er kommt aus einer Kleinstadt, stand damals mitten in seiner Sturm- und Drangzeit und verspürte einen großen Drang, seinem Heimatort den Rücken zu kehren. Er glaubte, dass ihm zu viele Lehren, Lehrer und andere Erwachsene erklärten, wie das künftige Leben vor sich zu gehen habe, welche Ideale, welche Werte es zu verfolgen gelte und wie sich Menschen in seiner Umgebung grundsätzlich zu entwickeln hätten. Dieser Druck hemmte meinen Besitzer in seiner Kreativität und Lebensfreunde. So verstaute er einige Dinge in meinem Inneren und unsere gemeinsame Reise nahm ihren ersten Anlauf. Ein Monat, England, Englisch lernen: Das war ein Grund, der in den 1970ern gesellschaftlich akzeptabel war. Schließlich passte das reine unproduktive Herumreisen damals nicht in die herrschende Kleinstadtphilosophie…

paul_rösch_02…das ganze Universum meines Besitzers aber offensichtlich in mein Inneres: Sprachbücher mit Übungen, ein Wörterbuch, Wäsche für einen Monat, Laufschuhe und Schwimmhose, Fotoausrüstung und Bücher von Hermann Hesse, darunter auch „Siddhartha“, in dem man lesen kann, dass man zwar Wissen erlernen könne, aber niemals Lebensweisheit. Sie erwirbt man nur persönlich, indem man „Raum um Raum durchschreitet, an keinem wie an einer Heimat hängt“ („Glasperlspiel“, Hesse). Das Leben also selbst in die Hand nehmen, das war Programm. Die Haustürschlüssel als Garant für die Rückkehr, dazu noch ein Kuvert mit Fotos von den letzten Skitouren mit herrlichen Abfahrtsspuren, ein weiteres Kuvert mit mehreren Fotos und einigen Briefen eines attraktiven Mädchens, was darauf schließen lässt, dass sie für meinen Besitzer wohl etwas mehr bedeutete. Dafür spricht auch eine antike kleine Jesusfigur aus Bronze, die er ebenfalls im Kuvert aufbewahrt und vom Mädchen als Beschützer bekommen hat. Was passiert mit all den Erinnerungen? Wie werden sie verarbeitet, ausgebaut oder gar ausgelöscht? Eines steht fest: Ich war ein emotionaler Tresor oder gar ein kleines Museum der persönlichen Erinnerungen.

paul_rösch_03Aus dem geplanten Monat in England sind zwei Jahre geworden. Was da an Objekten in meinem Inneren hinzugefügt, was ausgetauscht, entsorgt und behalten wurde, das war für mich als Nachtkästchen-Koffer höchst interessant. Plötzlich gab es Arbeitsangebote aber auch Absagen, Briefe und Postkarten von Mädchen, auch hier Zu- und Absagen, immer wieder neue Bücher und Broschüren, meist Literatur zu fremdartigen und neuen Themenbereichen, Eintrittskarten als Erinnerungen an Konzerte, Museums- und Ausstellungsbesuche, Kursbescheinigungen und zudem Fotos von neuen Bekannten, Arbeitskollegen und Freunden. Als stiller Beobachter fühlte ich mich verantwortlich für den jungen Mann, durchlebte mit ihm all seine neuen Erfahrungen und Entwicklungen und freute mich über den jugendlichen Elan und seine Lebensfreude.

Nach zwei Jahren schönem Zusammenleben ergab sich plötzlich eine ganz neue Situation. Mir war schon seit einigen Wochen aufgefallen, dass plötzlich neue Bücher auftauchten, vorwiegend Reiseliteratur. Irgendwie war ich schon darauf vorbereitet, dass „Siddhartha“ Spuren hinterlassen und Indien ein Reiseziel sein würde. Dass vorab noch ein Arbeitsaufenthalt in einem Kibbuz in Israel dazukommt, darauf war ich nicht vorbereitet. Gut, ich habe mir keine weiteren Gedanken gemacht, schließlich interessierten mich beide Länder und ich wollte ihn auf beiden Reisen begleiten. Aber weit gefehlt.

Eines Tages stand ein großer Rucksack neben mir, ein back-packer. Was für ein Schock! Als Koffer und Nachtkästchen hatte ich endgültig ausgedient, denn für Fernreisen bin ich zu sperrig. Seitdem friste ich mein Dasein in einem Londoner Keller bei einem Freund des jungen Mannes. Einige Erinnerungsstücke finden sich in meinem Inneren, ein paar Kleidungsstücke, darunter zwei Anzüge und Krawatten. Dinge, die auf der Weltreise wohl kaum gebraucht werden. Ich warte, denn vielleicht werde ich noch abgeholt. Allerdings zweifle ich daran, deshalb träume ich von der Zeit, als ich noch ein Gepäcksstück war. Und ein Tresor gebündelter Illusionen.

Jede Woche eine neue Koffergeschichte!

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Eine Begleitaktion zur Sonderausstellung „Packen, tragen, rollen – Reisegepäck im Wandel der Zeit“ (2021)

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