Koffer mit Aufkleber

von Herta Waldner, Hausmuseum Villa Freischütz Meran

Koffer_FreischützAufwendige Koffer in Rohr, Holz, Korb und Leder gab es zuhauf beim Sichten des Fundus im Hausmuseum Villa Freischütz in Obermais. Ein schlichter, sehr leichter Hartschalenkoffer „Typ Zwanziger Jahre“ entging deshalb unserer Aufmerksamkeit bis zum 8. November 2018. Ein weißer, runder Aufkleber mit der Notiz „WAEPANAERT Galaanzug“ ließ uns dann doch den Deckel lüften.

Zum Vorschein kam eine Galauniform mit üppig goldbestickter Hose samt Uniformjacke, ein leicht zerzauster Zweispitz mit Straußenfedern mit goldenem Emblem der Manufaktur J.B. Dubois & Fils Bruxeles- Fabrique de Coiffures e Passemonteries Militaire.

Koffer_Freischütz2Die Familie Fromm, selbst als Kurgäste 1905 nach Meran gekommen und seit 1922 in der Villa Freischütz Zuhause, kann man kosmopolitisch nennen: Peru, Göttingen, Barcelona, Paris. Alle Mitglieder waren mehrsprachig, davon zeugen antiquarische Bücher, Tagebücher und die Korrespondenz, aber so ein nordischer Name stach uns selten ins Auge. Vage erinnerte ich mich an ein sehr schönes Weihnachtsbillet von einer gewissen Carmen de Waepanaert, Xmas 27. Ihr Vater war Exminister von Belgien, Generalkonsul von Havanna, Chevalier vom Leopoldsorden… – als Kurgast nach Meran gekommen mit seiner spanischen Frau Dolores G. de Roig und Tochter Carmen, logierte er ca. 10 Jahre im Palast Hotel.

Beim Recherchieren der digitalisierten Zeitungen der Tessmann Bibliothek wurden dann die Todesanzeige und zwei Zeitungsnotizen aus dem Februar 1922 bezüglich eines belgischen hohen Militärs, Chevalier Charles Gustave Louis Philippe Waepanaert de Termiddel Erpe, gefunden.

Koffer_Freischütz3Als letzter Puzzlestein der detektivischen Kleinarbeit kam der Zufall hinzu. Tage zuvor – zu Allerheiligen – beim Studieren der Grabsteine der Gruften im Untermaiser Friedhof unter den Arkaden – derselben Reihe, wo auch der Grabstein der Familie Fromm Y Hilliger zu finden ist – fiel mir ein sehr schöner Grabstein auf. Direkt neben John Lowson Stoddart, dem amerikanischen Wahlmeraner. Auffallend auch wegen des nicht sehr ortstypischen, zungenbrecherischen Namens, der auf einen ebenso zugereisten Kurgast schließen ließ. Dort also hatte Waepanaert seine letzte Ruhe gefunden.

Der Rest der Geschichte lässt sich nur vermuten: am logischsten ist die Tatsache, dass Familie Fromm, die viele Jahre in Barcelona gelebt hatte, mit Dolores, der Gattin des Chevaliers, ihre gemeinsame spanische Herkunft verband. Der Umstand, dass Franz Fromm leidenschaftlicher Sammler von barocken Seiden war, lässt zudem den Schluss zu, dass Carmen de Waepanaert ihm die Galauniform ihres Vaters entweder verkaufte oder gar schenkte und das Prachtstück so in die Sammlung der Schätze der Villa Freischütz gelangte.

Jede Woche eine neue Koffergeschichte!

Hier geht’s zum Podcast.

Eine Begleitaktion zur Sonderausstellung „Packen, tragen, rollen – Reisegepäck im Wandel der Zeit“ (2021)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.