Reisen mit Stab, Stift und Segelleinen

Koffer_Klotz

von Petra Seppi

Ich bin’s, Kuli. Bis 1967 war ich der Treueste aller Begleiter von Benediktinermönch und Erzabt Petrus Klotz auf seinen Weltreisen. Allein von 1912 bis 1916 schaffte ich 200.000 km durch Afrika, Asien, Ozeanien, Nord- und Südamerika. Nochmal „200.000 km auf einer einzigen Reise.“ Unzählige weitere Reisen folgten. Alle aufzuzählen würde allein schon das Touriseum füllen. Werft daher einen Blick auf meine Weltkarte und erahnt, was ich alles Petrus_Klotz_Reisekarteerleben durfte. Aus Büchern wie „An fremder Welten Tor“, „An der Erde Rand“, „Rund um Meere und Menschen“, „Mein Weg durch die Völker“, „Mit Stab und Stift“ lässt sich mein Leben genau nachvollziehen.

Denn mein Herr, Petrus, war nicht nur außerordentlich reiselustig und wissbegierig. Er war auch klug genug, aus seinen Reisen Profit zu schlagen. Verlage finanzierten seine ausgiebigen Fahrten und so lassen sich unsere Erlebnisse in Zeitungsberichten und Büchern nachlesen.

Meeressalz, Wüstenstürme, arktische Kälte und tropische Hitze konnten mir auf diesen abenteuerlichen Reisen nichts anhaben, denn mein Holz war mit Eisenscharnieren und Segelleinen gesichert.

Das Schönste an den Reisen waren Petrus‘ Begegnungen mit den Menschen. Er leitete seine Bücher mit dem Gruß „Allen Freunden von Natur und Kunst, Humor und edlem Menschentum“ ein. Petrus selbst liebte Natur, Kunst, Humor und er war ein edler Mann. Als scharfer BeobacFoto_Petrus_Klotzhter fand er schnell Freunde und Anschluss in fremden Ländern und leitete aus seinen Wahrnehmungen und Gesprächen das Befinden des Volkes ab und wagte einen Blick in die Zukunft. Seine Einschätzung zu China etwa lautete „Gelingt es, zur Volkskraft des Ostens noch die Technik des Westens zu erringen, dann hat sich China zur höchsten Kraftentfaltung gesteigert und greift mit ins Zeitenrad …“. Damals war China an einem Tiefpunkt seiner Geschichte und keiner konnte die spätere Entwicklung erahnen. Heute wissen wir, zu was China fähig ist.

Mein persönliches Schicksal aber war seit dem Tod von Erzabt Petrus Kotz 1967 bescheiden. Zuerst fristete ich in einem Kellereck mein Dasein. Erst 2000 wurde ich endlich entdeckt, abgestaubt und aufgerichtet und heute darf ich als Couchtisch die Welt durch die Erzählungen von Gästen und die Worte der Zeitungen, die auf mir ruhen, erleben. Es ist kein Erleben wie früher, so direkt und unverblümt. Aber es entspricht wohl meinem Alter und dem Zeitgeist: wer braucht in Zeiten von Ryanair schon einen Koffer, der alleine schon mehr wiegt, als es Fluglinien erlauben?

Koffer_Klotz_innenWeil es mein Herz so rührt, verrate ich Euch zum Schluss etwas ganz Persönliches. Petrus Klotz hatte einen Lieblingsplatz. Wann immer es seine Pläne erlaubten, kam er an seinen Geburtsort Kaltern zurück, spazierte Richtung Altenburg und blickte zum Kalterer See (noch heute steht an dieser Stelle das nach ihm benannte „Klotzbankl“). Auf diesen Spaziergängen durfte ich nie mit Petrus mit, doch heute, in meinen alten Tagen, stehe auch ich an einem Ort, von dem aus ich die Tages- und Jahreszeiten am Kalterer See beobachten darf! So nehme ich meinen über 50 Jahre währenden Lockdown mit Gelassenheit an und danke Erzabt Petrus Klotz für all die Erlebnisse, die mir keiner mehr nehmen kann.

 

Jede Woche eine neue Koffergeschichte!

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Eine Begleitaktion zur Sonderausstellung „Packen, tragen, rollen – Reisegepäck im Wandel der Zeit“ (2021)

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