L’enfant terrible on voyage

von Ruth Engl

 

Der alte braune Lederkoffer, diese alte Lederhaut, den ich ständig auf den Weg in den Keller begegne, sieht mich vorwurfsvoll an. Hier muss er nun sein Dauerdasein fristen, anstatt mit mir aufregende Zeiten zu verbringen. Wie gerne würde er so manches neue Abenteuer erleben, so wie damals. Wenn ich daran zurückdenke, beginne ich zu Schmunzeln. Ich war immer schon gerne mutig und unangepasst, meine Eltern mussten viel mit mir aushalten.

 

Meine damalige Freundin Hannelore und ich, beide 16 Jahre jung, reisten ohne Zustimmung und Wissen unserer Eltern nach Frankreich. Als Vorwand gab ich einen Sommerurlaub in Riccione an, wo meine Freundin gerade ihren Sommerjob in einem Hotel beendete und sie hingegen, war nach offizieller Version bei uns in der Sommerfrische auf den Ritten zu Gast. Der Plan war genial. Mit dem Zug ging‘s nach Riccione, schnell wurde eine Postkarte mit Urlaubsgrüßen nach Hause geschrieben. Stichfestes Alibi im petto.

Unser gewagtes Vorhaben nahm seinen Lauf, beide hatten wir keine Ahnung von Reisen, von Kofferpacken noch viel weniger. So verstaute ich meine sämtliche Garderobe darin und der Koffer platzte fast aus allen Nähten. Mein Koffer war zu schwer und wirkte wie Blei an meinem Arm, doch dass nahm ich gerne auf mich.

Dementsprechend unvorbereitet verlief unsere Grand Tour. Angst vor dem Ungewissen hatten wir nicht, im Gegenteil, wir sprühten nur so vor Neugierde nach der großen weiten Welt. So gelangten wir auch in sehr brenzlige Situationen, als wir blauäugig mit Autostopp von Riccione nach Genua reisten. Urplötzlich waren wir selbst für unser Leben verantwortlich.

Die aufregende Odyssee führte uns entlang der Cote Azure mit erstem Reisestopp in Monaco, wo wir mit fester Absicht ins Spielcasino wollten. Kategorisch und mit einer gewissen Härte wurde uns der Zutritt verwehrt. Schließlich waren wir beide ja noch minderjährig. Übernachtet haben wir fast immer in den „Auberge‘s de Jeunesse“, aber manchmal auch unter freiem Himmel, da uns die Hausordnung der Jugendherbergen zu streng war. Weiter gings über das mondäne Nizza nach Cannes, ohne es dabei zu versäumen über den roten Teppich zu flanieren und inständig zu hoffen, man möge unser Talent entdecken und wir würden als Filmstars zurückkehren. Anschließend noch mit dem Nachtzug nach Paris, und zwar mit dem wichtigsten Grund, endlich bei McDonald einen Burger zu essen. Nebenbei haben wir selbstverständlich alle Sehenswürdigkeiten der Stadt besichtigt. Wir hatten das große Glück einen Studenten aus wohlhabendem Hause aus den Arabischen Emiraten kennenzulernen, der uns im Porsche das schillernde Paris bei Nacht zeigte und mit uns Landpomeranzen eine Spritztour zu den Schlössern von Versailles unternahm. Jeder Tag dieser Reise war aufregend und bot eine Fülle an Abenteuer, dem wir uns voll und ganz hingegeben haben.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Diese Eskapaden hüteten wir stets als unser großes Geheimnis und der Schwindel flog auch nicht auf. Erst Jahre später, beichteten wir unseren Eltern von dieser inkognito Reise, ohne je dafür bestraft zu werden. Wir versetzten sie mit unseren Reiseerzählungen regelrecht ins Staunen und nie und nimmer hätten sie uns so ein Wagnis zugetraut.

Viele weitere Reisen folgten als junge Erwachsene aber keine war so aufregend wie diese erste. Und der Koffer? Kam bei der Rückkehr ins Kellerdepot und wurde nie mehr als Reisebegleiter verwendet. Zu schwer war sein Eigengewicht, zu mühsam das Schleppen.

Er darf bleiben, wo er ist und erinnert mich immer wieder daran, dass ich im fortschreitenden Alter nicht verlerne, Neues zu wagen und mich weiterhin mit Leichtigkeit durch das Leben tragen lasse.

Jede Woche eine neue Koffergeschichte!

Hier geht’s zum Podcast.

Eine Begleitaktion zur Sonderausstellung „Packen, tragen, rollen – Reisegepäck im Wandel der Zeit“ (2021-2022)

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