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Ein Selbstportrait

Koffer_Reso

von Evelyn Reso

Alles, was mitmuss, liegt auf dem Bett ausgebreitet: Hosen, T-Shirts, Pullover, Toilettenzeugs, eine dünne Jacke, eine dicke Jacke und eine wasserfeste – sollte es entgegen aller Wetterprognosen doch zu sintflutartigen Regenfällen kommen. Alles wird gut sortiert verstaut, damit man es nachher schnell wiederfindet in den Untiefen des Koffers. Socken und Tempos stopfen die verbliebenen Löcher. In letzter Sekunde landen weitere überlebenswichtige Utensilien im Koffer: weitere Tempopäckchen, ein Taschenmesser, ein Feuerzeug – ich rauche nicht, aber es könnte ja nützlich sein.

Fertig.

Jetzt noch das Adressschild kontrollieren und den farbigen Anhänger dranmachen, zur Sicherheit auch noch einen Gepäckgürtel drum herum geschnallt. Zwei-, dreimal öffnet sich noch der Reisverschluss und die letzten unverzichtbaren Kleinigkeiten verschwinden im Spalt – nur für alle Fälle, man kann ja nie wissen. Jetzt noch den Verschluss ins Schloss stecken und die Nummern verdrehen – so verwirrend wie möglich, für ganz schlaue Gepäckdiebe. Dann doch nochmal aufmachen, falls der Code nicht stimmt – besser, ich finde das jetzt heraus als hinterher. Wieder schließen. Nein, am besten doch gleich offenlassen, es könnte ja sein, dass der Zoll im Reiseföhn etwas Verdächtiges vermutet und das Schloss aufbricht, dann ist der Koffer hin. So, jetzt aber ab auf die Waage. Der Koffer wiegt genau 12,5 Kilogramm, das macht 2,5 Kilogramm Spielraum für Mitbringsel, perfekt.

Ein mulmiges Gefühl beschleicht mich, als der Koffer über die Gepäckschiene fährt und hinter der freundlichen Flugbegleiterin durch die Luke verschwindet. Meine Hände sind leer, der Körper so leicht. Durch das kleine Fenster im Passagierraum beobachte ich den Gepäckzug, der gerade unter dem Flugzeugflügel hält. Ist mein Koffer dabei? Was, wenn nicht?

Nervöses Gedrängel am Gepäcktransportband. Koffer für Koffer wird vom Band gehievt und mitgenommen. Nach einigen Runden Leerlauf, hält das Gepäckband an. Das war’s, da kommt nichts mehr. Panik kriecht in mir hoch. Was mache ich jetzt nur? Mit einem Ruck läuft das Gepäckband wieder an. Ein Koffer purzelt durch die Luke, ein zweiter und dann endlich einer mit dem vertrauten Anhänger, dem Gürtel, mein Koffer, er kommt! Schnell fische ich ihn herunter und umklammere seinen Griff. So als wäre ich ohne ihn verloren. So als wäre ich mit ihm gerüstet für all das, was kommt. So als könnte mir mit meinem Koffer nichts geschehen.

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Eine Begleitaktion zur Sonderausstellung „Packen, tragen, rollen – Reisegepäck im Wandel der Zeit“ (2021-2022)

Mrs. E. Scarpa

von Ursula Scarpa

4103651So steht es auf der Plakette der braunen Reisetasche. In Wirklichkeit hieß die Ehefrau von meinem Großvater Olga Kranz Scarpa. Das E steht für Emil.

Frauen hatten in der Geschichte bezüglich ihrer Ebenbürtigkeit Männern gegenüber stets einen schweren Stand. Als verheiratete Frau reiste man zu Beginn des 20. Jahrhunderts stets unter dem gesamten Namen des Ehegatten.

Emil Scarpa entstammte einer venezianischen Familie, die 1866 für die k. u. k. Monarchie Österreich-Ungarn optierte und aus Venedig abwanderte und ihren Wohnsitz nach Triest verlegte.

Er wurde Direktor der Österreichischen Dampfschifffahrtsgesellschaft Lloyd in Triest.

Emil_ScarpaBis zum Ende der Habsburger Monarchie galt Triest als Hafen von Wien und war Sitz des 1833 gegründeten Österreichischen Lloyd, der damals größten Dampfschifffahrtsgesellschaft im Mittelmeer. Die Eröffnung des Suezkanals im Jahr 1869 ermöglichte der Lloyd die Inbetriebnahme der Linie Triest-Bombay.

Mein Großvater reiste für die damaligen Verhältnisse bis ans andere Ende der Welt und hat in Bombay 18 Jahre lang für die Gesellschaft gearbeitet.

Als er ins heiratsfähige Alter kam, wollte er weder eine Inderin noch eine Engländerin zur Frau. Deshalb reiste er nach Graz zur Brautschau und nahm Olga Kranz zur Ehefrau. Sie entstammte einer wohlhabenden Familie aus Andritz bei Graz, die mehrere Kartonfabriken besaßen.

Sie sind dann als Ehepaar zurück nach Bombay, aber nicht für lange Zeit, denn die Ehefrau Olga vertrug das Klima in Bombay nicht besonders.

Im mondänen Meran fanden sie 1908 ein neues Zuhause. Sie haben so lange in Meran gelebt, bis Herr Scarpa schwer erkrankte und deshalb zur Behandlung nach Wien zog und dort auch verstarb. Er ist auch dort begraben.

Nun muss die weitgereiste Ledertasche nicht mehr auf meinem Dachboden ihr Dasein fristen und erfährt im Touriseum jede Menge Bewunderung und Aufmerksamkeit.

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Nur ein Gepäckstück

von Klara Rosemann

Im Laufe meines langen Lebens bin ich oft verreist und habe viele Koffer gepackt.

Doch die stärksten Erinnerungen habe ich an jene Reise im August 1940, die mich mit meiner Familie von Bozen nach Österreich führte. Das geschah im Rahmen der Umsiedlung der deutschsprachigen Bevölkerung aus Südtirol ins Deutsche Reich.

Familie_Rosemann1Meine Eltern waren damals 46 und 36 Jahre alt, mit drei Kindern im Alter von 9, 8 und 7 Jahren. Ich war die Jüngste in der Familie. So standen wir zu fünft am Bahnsteig in Bozen und warteten auf einen Zug, der uns in ein fremdes Land und in eine ungewisse Zukunft bringen sollte. Bei einem kurzen Aufenthalt in Brixen konnten wir uns noch von unseren Großeltern verabschieden, dann ging es weiter nach Innsbruck.

Da jeder Person nur ein Gepäckstück erlaubt war und die Koffer von uns Kindern entsprechend klein waren, reisten wir mit geringem Gepäck.

Für uns Kinder war die Reise ein großes Abenteuer. Frisch eingekleidet und neugierig auf alles Neue genossen wir die Fahrt. Mit wie vielen Zweifeln und Ängsten dagegen unsere Eltern diese Reise antraten, wurde uns erst viel später bewusst.

Unsere Reise war gut organisiert. In Innsbruck wurden wir bereits erwartet und unsere Eltern mussten entscheiden, wo wir zukünftig leben wollten. Unsere Großmutter hatte uns oft von der schönen Gegend am Bodensee erzählt. So fiel uns die Entscheidung nicht schwer, wir fuhren weiter nach Bregenz.

Familie_Rosemann2Nach kurzer Zeit wurde uns eine geräumige Wohnung mit Bad und Toilette zugewiesen, was damals einen ungewöhnlichen Luxus darstellte. Natürlich wurde das von Teilen der einheimischen Bevölkerung mit einem gewissen Misstrauen beobachtet, und so blieben «wir Südtiroler» anfangs in den eigens für uns erbauten Siedlungen unter uns.

Unser Vater fand trotz seines Alters schnell Arbeit und wir Kinder besuchten die Volksschule. Da wir aber in Südtirol nur in italienischer Sprache unterrichtet worden waren und zudem einen fremden Dialekt sprachen, dauerte es eine gewisse Zeit, bis wir uns eingelebt hatten.

Seither ist sehr viel Zeit vergangen. Wir Kinder haben hier eine Heimat gefunden und Wurzeln geschlagen.

Aber manchmal packen wir einen kleinen Urlaubskoffer und reisen für ein paar Tage zurück über den Brenner. Und erinnern uns an jene Reise im Jahre 1940, die unser Leben so grundlegend verändert hat.

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Ich bin kein Koffermensch, ich bin ein Rucksackmensch

von Anni Pixner Pertoll

„Wenn du vom Militärdienst frei gehst, dann machen wir zusammen eine Reise.“ Das sagte ich scherzhaft zu meinem, damals 19 Jahre alten Sohn, Much.
Etwa drei Monate später schwenkte er freudig den „Concedo“ und fragte: „Wohin geht die Reise?“

Wir entschieden uns für Island. Für ihn selbstverständlich mit Rucksack und Zelt. Ich dachte mir: “Na ja, wenn er mir das zutraut, warum nicht?“

Pixner_Pertoll_RucksackAlso erklärte mir Much, welche Beschaffenheit ein Rucksack haben muss und wie man den richtig trägt. Das war wichtig, denn in unsere Rucksäcke musste viel hinein.
Für unsere mehrwöchige Maiwanderung im hohen Norden kam einiges zusammen: Zelt, dicke Daunenschlafsäcke, Isomatten, Kochgeschirr, Gaskocher, Fertiggerichte und natürlich warme Kleidung. Der Wanderführer und das Tagebuch durften genauso wenig fehlen wie die Stirnlampe.

Wenn wir am Ende des Tages unsere Rucksäcke auspackten und das Nachtlager aufschlugen, besetzten wir mehrere Quadratmeter Fläche. Immer wieder war ich erstaunt, was wir alles mitschleppten, wieviel Platz in so einem Rucksack ist. Und zu meiner Überraschung gelang es jeden Morgen, alles wieder zu verstauen, was wir am Abend vorher ausgepackt hatten.

Drei Wochen waren wir unterwegs. Der Rucksack war zwar schwer, aber wir wurden von der mystischen Natur Islands und der dortigen Ruhe reich beschenkt. Es fehlte uns an nichts und es wurde eine meiner schönsten Reisen. Von da an war ich fast nur noch mit dem Rucksack unterwegs.

Mit meiner Rucksackbegeisterung steckte ich auch meinen Mann an. Fortan unternahmen wir zahlreiche Touren, manchmal mit und manchmal ohne Zelt.

Pixner_Pertoll_Rucksack_2Eine besondere Rucksackreise war der Jakobsweg nach Santiago de Compostela mit meiner Schwerster Rosi.

Diesen 800 km langen Pilgerweg wollte ich mit besonders leichtem Gepäck begehen.

Daher fing ich schon drei Wochen vor dem Start mit dem Rucksackpacken an.
Zuerst legte ich Dinge bereit, von denen ich annahm, ich würde sie unbedingt brauchen.
Die Folge: Der Rucksack war zu schwer.
Immer wieder reduzierte ich, jedes Mal mit dem Ergebnis: Noch zu schwer!
Ich begann, leichtere Kleidungsstücke auszuwählen.
So wiegt ein Kaschmirpullover um einiges weniger als ein Wollpullover.
Dann begutachtete ich die Toilettenutensilien und drückte die Tube der Zahnpaste bis auf ein Drittel aus, viertelte die Kernseife, tauschte die Sonnencreme mit einer Miniausgabe aus und ersetzte das dicke Handtuch mit einem kleinen aus Mikrofaser.
Nun passte es.
Mein Rucksack wog 7 kg. Das ideale Gewicht für meine Größe.

Auf dem gesamten Weg vermisste ich nichts. Ich hatte alles dabei, was ich brauchte.

Mein Rücken gewöhnte sich mit der Zeit so an den Rucksack, dass ich mir ohne fast nackt vorkam.

Pixner_Pertoll_Rucksack_3Unterwegs begegneten wir immer wieder Pilgern, die schwer zu schleppen hatten.
Nur ein 90jähriger, der von Paris nach Santiago pilgerte, war mit noch weniger Gepäck unterwegs. Er hatte kaum Wechselkleider, keinen Fotoapparat, kein Tagebuch und anstelle des Schlafsackes nur einen Hüttenschlafsack. So geht es auch.

Auf dem langen Weg lernten wir einige liebe Leute kennen. Man ging ein Stück zusammen, machte zusammen Rast, teilte den Proviant, kochte gemeinsam und tauschte Erfahrungen aus.

Meine Schwester und ich, wir waren immer langsam unterwegs, nach den Moto: „chi va piano va lontano.“ Unsere inzwischen liebgewordenen Pilgerfreunde legten den Weg nach ihrem Tempo zurück. Wenn sie aber an einer Raststätte Halt machten, stellten sie ihre  Rucksäcke, die wir inzwischen kannten, vor die Tür, um uns ihre Anwesenheit kundzutun.
Die Freude der Wiederbegegnung war immer groß.

Somit waren unsere Rucksäcke längst mehr als nur ein notwendiges Gepäckstück. Und so verspüre ich immer dann, wenn ich Menschen mit Rucksäcken begegne, eine Sehnsucht in mir, möchte sofort aufbrechen, irgendwohin, um offen zu sein, die Welt ein bisschen besser kennenzulernen. Und somit auch mich.

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Der Begleiter

von Helga Stockreiter

 

StockreiterStolz und glücklich hält deine Mutter dich im Arm,

ihr Töchterchen ist geboren!

Deine Eltern bringen dich nach Hause,

ich darf dich begleiten.

 

Jahre vergehen,

du fährst mit deinen Eltern ans Meer,

du fährst mit deinen Eltern in die Berge,

ich darf dich begleiten.

 

Jahre vergehen,

stolz zeigst du dein Maturazeugnis.

Du wirst studieren, in einer anderen Stadt,

ich darf dich begleiten.

 

Jahre vergehen,

vor deinem Namen steht jetzt ein „Dr.“,

an deiner Seite steht ein junger Mann.

Du folgst ihm in die grünen Wälder von Michigan,

ich darf dich begleiten.

 

Jahre vergehen,

du bist wieder allein.

Du kommst zurück in deine Heimat,

ich darf dich begleiten.

 

Jahre vergehen,

an deinem Bett steht ein Arzt.

Sanitäter bringen dich fort,Koffer_Stockreiter

ich darf dich nicht begleiten.

 

Dein Sohn lässt die Wohnung ausräumen.

Ich stehe in einem leeren Zimmer,

ich höre eine Stimme:

„schau, dort ist noch ein Koffer!“

 

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Koffer der Erinnerung

Koffer_der_Erinnerung

von Claudia Rieflin

Mein Koffer ist klein. Er misst nur 31/21/12 cm. Er stammt aus Australien und diente in den 60er Jahren als Schultornister meiner großen Schwester. Meine Eltern wanderten 1959 dorthin aus. Haben schlichtweg das deutsche Wirtschaftswunder verpasst, um Down Under ihr Glück zu finden. Sie waren Migranten, Ausländer, die, die den Krieg angefangen haben. Das erste halbe Jahr lebten sie aus Koffern. Frauen und Kinder von den Männern streng getrennt – in Wellblechbaracken des Auswandererlagers. Sie lernten die Sprache, die Verfassung, die Geschichte und den Humor des neuen Landes. Sie integrierten sich, sie arbeiteten fleißig, schlossen Freundschaften und hatten im Winter Heimweh nach Schnee und „Stille Nacht“.

Ich kam 1964 zur Welt. Eine kleine Australierin, geboren im Queen Elisabeth Hospital, als jüngste von drei Schwestern. Meine Pateneltern waren unsere italienischen Nachbarn. Bis heute hüte ich das goldene Medaillon der heiligen Madonna, das ich zu meiner Taufe von ihnen erhielt. Sie liebten es, meinen Vater und die deutsche Sprache zu parodieren: „Schnell, schnell! Aber zackig!“

Mein Vater versicherte mir bis zu seinem Tod glaubhaft, dass er nicht enttäuscht war, dass ich kein Bub geworden bin. Bei meiner Mutter bin ich mir da nicht so sicher.

Meine Schwestern gingen in den Kindergarten und zur Schule. Jeden Morgen wurden die kleinen Papptornister gepackt und sie stiegen in den gelben Schulbus. Zwei deutsche Mädels, die nicht wussten, was deutsch, australisch, italienisch, schottisch, jüdisch, christlich, schwarz oder weiß ist. Jeder kam irgendwo her, ging irgendwo hin und fühlte sich trotzdem verbunden.

Rieflin_Genua

Auf der Überfahrt zurück nach Genua auf der „Galileo Galilei“ 1965. Mein Vater hält mich im Arm, meine zwei Schwestern stehen davor und schauen aufgeregt aufs Meer, meine Mutter ist ganz rechts noch zu erkennen.

Ich habe keine Kindheitserinnerungen an mein Geburtsland. Die Erinnerungen existieren nur in Form von Jahr zu Jahr mehr verblassenden Schwarzweiß-Fotos. Aufnahmen, die sorgfältig arrangiert und überlegt sein wollten, da der Film und die Entwicklung teuer waren. Ein Foto bedeutete ein Ereignis – und zwar ein unwiederbringliches. Taufe, Kommunion, Geburtstag, Feiertage und Glücksmomente. Auf einigen erkenne ich den kleinen taubengrauen Koffer mit den weinroten Beschlägen und dem knallroten Kunststoffgriff: In der braungebrannten Hand meiner Schwester, auf dem Boden stehend neben meinem Kinderwagen, vor dem obligatorischen Gummibaum im Wohnzimmer, auf der 6-wöchigen Schiffspassage zurück nach Europa – umklammert von meiner unglücklichen Schwester, die nicht zurück wollte ins kalte Deutschland.

Ich habe mir den kleinen Tornister gesichert. Meiner großen Schwester weggeschnappt. Ich bewahre darin meine Momente auf. Fotos von Haustieren. Vom Tanzstundenabschlussball. Der erste Freund. Schulabschluss. Der erste Interrail-Urlaub nach Griechenland. Saint Tropez im verrosteten Alfa Bertone. Die ersten eigenen Vier Wände. Meine Reise nach Australien in den 90ern. Kängurus, Koalas, Wombats, der Hafen von Sydney, das Great Barrier Reef, die Weinberge von Barossa Valley, meine italienischen Pateneltern „Schnell, schnell! Aber zackig!“

Vor allem die Urlaube in Italien. Toskana, Cilento, Rom, Florenz, Mailand, Venedig, Sizilien Sardinien und immer wieder Meran, Meran, Meran. Mein Sehnsuchtsort. Der Ort, der in schweren Zeiten das Herz leichter werden lässt. Diese verlässlichen Bilder, die vor dem geistigen Auge entstehen, die Freunde, die man gefunden hat und im Herzen bewahrt. In Zeiten von unzähligen, flüchtigen Smartphoneaufnahmen, hüte ich meinen Koffer der Erinnerung. Ich mache Abzüge von unwiederbringlichen Augenblicken und weiß, dass mich dieser Koffer bis ans Ende meiner Tage begleiten wird.

Ach, Meran, bitte hüte du deine Schönheit, wie ich meinen Koffer der Erinnerung.

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Der lila Koffer

von Henrike Steiner

Sie sind fast immer schwarz, die Koffer, die auf den Laufbändern der Flughäfen herummäandern.

Koffer_SteinerNa warte! hatte ich mir gedacht und mir für die anstehende Flugreise in das ferne asiatische Land einen knall-lila Flugkoffer zugelegt . ..

Wir brachen also mitten in der Nacht zum Flughafen München auf, um von dort nach vielen langen Flug-und Wartestunden endlich – schon recht mitgenommen von der Reise – in dem heißen, bunten Zielflughafen anzukommen.

Nun galt es nur noch sich der Koffer zu bemächtigen, um sich dann ins Abenteuer stürzen zu können. Aber o je !, was war mit meinem – wirklich sofort gut sichtbaren- lila Koffer passiert !? Er war ja kaum wieder zu erkennen, so ramponiert war er, nur notdürftig mit einem Spagat zusammengehalten.

Nun, nach dem ersten Schreck galt es zu handeln: unser kundiger Reiseleiter begleitete mich zur Beschwerdestelle, und wir füllten alle notwendigen Formulare aus, fotografierten das corpus delicti und unternahmen so alle Schritte, damit die Versicherung sich meines verletzten Koffers annehmen konnte.

Da kam plötzlich eine Gruppe aufgeregter einheimischer  Frauen  auf uns zugestürzt und überschüttete uns mit einem Schwall uns unverständlicher Worte …Allmählich wurde klar, dass sie es auf meinen armen lila Koffer abgesehen hatten..
Eine der Frauen machte schließlich verständlich, dass sie gar Besitzansprüche auf meinen zwar lädierten, aber doch einzigartigen lila Koffer anmeldete !

Nun, um es kurz zu machen : nach einigem Hin und Her schaute ich doch noch mal auf dem Gepäcklaufband in der Halle nach : und sieh da, da drehte ein glänzend neuer einsamer lila Koffer seine Runden und wartete auf seine Besitzerin…..

PS (und Übringens): Es wär ja interessant gewesen, zu sehen, was in so einem fremdländisch-exotischen Koffer alles drin ist ..

Ich war aber  letztendlich doch sehr froh, meinen lila Koffer samt nützlichem Inhalt wieder zu haben …

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Reisen mit Stab, Stift und Segelleinen

Koffer_Klotz

von Petra Seppi

Ich bin’s, Kuli. Bis 1967 war ich der Treueste aller Begleiter von Benediktinermönch und Erzabt Petrus Klotz auf seinen Weltreisen. Allein von 1912 bis 1916 schaffte ich 200.000 km durch Afrika, Asien, Ozeanien, Nord- und Südamerika. Nochmal „200.000 km auf einer einzigen Reise.“ Unzählige weitere Reisen folgten. Alle aufzuzählen würde allein schon das Touriseum füllen. Werft daher einen Blick auf meine Weltkarte und erahnt, was ich alles Petrus_Klotz_Reisekarteerleben durfte. Aus Büchern wie „An fremder Welten Tor“, „An der Erde Rand“, „Rund um Meere und Menschen“, „Mein Weg durch die Völker“, „Mit Stab und Stift“ lässt sich mein Leben genau nachvollziehen.

Denn mein Herr, Petrus, war nicht nur außerordentlich reiselustig und wissbegierig. Er war auch klug genug, aus seinen Reisen Profit zu schlagen. Verlage finanzierten seine ausgiebigen Fahrten und so lassen sich unsere Erlebnisse in Zeitungsberichten und Büchern nachlesen.

Meeressalz, Wüstenstürme, arktische Kälte und tropische Hitze konnten mir auf diesen abenteuerlichen Reisen nichts anhaben, denn mein Holz war mit Eisenscharnieren und Segelleinen gesichert.

Das Schönste an den Reisen waren Petrus‘ Begegnungen mit den Menschen. Er leitete seine Bücher mit dem Gruß „Allen Freunden von Natur und Kunst, Humor und edlem Menschentum“ ein. Petrus selbst liebte Natur, Kunst, Humor und er war ein edler Mann. Als scharfer BeobacFoto_Petrus_Klotzhter fand er schnell Freunde und Anschluss in fremden Ländern und leitete aus seinen Wahrnehmungen und Gesprächen das Befinden des Volkes ab und wagte einen Blick in die Zukunft. Seine Einschätzung zu China etwa lautete „Gelingt es, zur Volkskraft des Ostens noch die Technik des Westens zu erringen, dann hat sich China zur höchsten Kraftentfaltung gesteigert und greift mit ins Zeitenrad …“. Damals war China an einem Tiefpunkt seiner Geschichte und keiner konnte die spätere Entwicklung erahnen. Heute wissen wir, zu was China fähig ist.

Mein persönliches Schicksal aber war seit dem Tod von Erzabt Petrus Kotz 1967 bescheiden. Zuerst fristete ich in einem Kellereck mein Dasein. Erst 2000 wurde ich endlich entdeckt, abgestaubt und aufgerichtet und heute darf ich als Couchtisch die Welt durch die Erzählungen von Gästen und die Worte der Zeitungen, die auf mir ruhen, erleben. Es ist kein Erleben wie früher, so direkt und unverblümt. Aber es entspricht wohl meinem Alter und dem Zeitgeist: wer braucht in Zeiten von Ryanair schon einen Koffer, der alleine schon mehr wiegt, als es Fluglinien erlauben?

Koffer_Klotz_innenWeil es mein Herz so rührt, verrate ich Euch zum Schluss etwas ganz Persönliches. Petrus Klotz hatte einen Lieblingsplatz. Wann immer es seine Pläne erlaubten, kam er an seinen Geburtsort Kaltern zurück, spazierte Richtung Altenburg und blickte zum Kalterer See (noch heute steht an dieser Stelle das nach ihm benannte „Klotzbankl“). Auf diesen Spaziergängen durfte ich nie mit Petrus mit, doch heute, in meinen alten Tagen, stehe auch ich an einem Ort, von dem aus ich die Tages- und Jahreszeiten am Kalterer See beobachten darf! So nehme ich meinen über 50 Jahre währenden Lockdown mit Gelassenheit an und danke Erzabt Petrus Klotz für all die Erlebnisse, die mir keiner mehr nehmen kann.

 

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Wos hosch denn dou fir an Kuufr?

von Lena Adami

Adami_Koffer01Zwei Jahre waren wir schon ein Paar, der Lois und ich, als ich nach 28 Jahren Bayern wieder nach Südtirol zurückkehrte. Jedes Wochenende kam der Lois aus Rosenheim zu mir nach Meran auf Besuch. In meinem Schrank hingen seine „Meraner Hemden“, lagen seine Pullover aus feiner Merinowolle, wenn nicht gar aus Kaschmir. Ein Borsalino harrte auf sein „Künstlerhaupt“ und feinste Mokassins kleideten seine Füße, wenn er mit mir durch die Meraner Lauben schlenderte. Für mich damals ein toller Mann, so ein Typ zwischen Curd Jürgens und John Wayne. Charmeur und Abenteurer. Eine Mischung genau richtig für mich!  Jedes Wochenende also ein Wiedersehn. Ein Mann für schöne Stunden. Genau richtig für mich.

Dann vergingen plötzlich 14 Tage, bis er wieder daher brauste. Das tägliche abendliche Liebesgeflüster reduzierte sich auch plötzlich auf „Bussi, Bussi! Gute Nacht!“ Was? Und das mir?  „Weißt du Lois, wir können’s auch lassen, wenn wir uns nichts mehr zu sagen haben“. Der Lois gab mir Recht und verschwand in gutem Einvernehmen aus meinem Leben.

Seine „Meraner Hemden“, die Pullover, den Hut und die Schuhe packte ich in einen gelblich braunen Lederkoffer. Und ab in den Keller. Lederkoffer? Es war noch zu Hause auf dem Dachboden gestanden, wohl schon zwanzig Jahre alt.   Wenn man ein bisschen am „Leder“ kratzte, schälte es sich wie Löschpapier. Immerhin in den Sechziger Jahren war der schon ganz edel. Sicher zwei Jahre lang ruhten die Klamotten vom Lois in meinem Keller.

Wos hosch denn dou fir an Kuufr?

fragt mich eines Tages meine Schwester Rosa.

Funn Lois sem.

Woss willsch denn mit denn?

Vielleicht konnr nou eppes brauchn. Ess sain gonz faine Sochn, woasch!

Schpinnsch!? Woss willsch denn dess Zuig auhebn? Wennr eppes braucht, norr soll er sichs lai kaafn!

Die Marlene, die Dietrich, hatte noch einen Koffer in Berlin. Der Lois, mein Geliebter aus Rosenheim, hatte seinen noch bei mir in Meran. Allerdings wusste er nichts davon. Und so erhielt die Caritas den Koffer aus Lederimitat mit den Designer-Klamotten vom Luis.

P.S.

5 Jahre später. Die italienische Post bringt eine Briefmarke heraus. Eine Sondermarke mit dem   Meraner Kurhaus. Genau richtig für den Lois, den Briefmarkensammler und Südtirol-Fan. Also eine Postkarte nach Rosenheim. Der Lois kommt wieder nach Meran. Nunmehr als Freund. Und wir gestehen uns: Ulrike, eine frühere, junge Geliebte war damals aus Amerika zurückgekehrt. Und die Liebe zu ihr war wieder aufgeflammt. Der Rudy, meine erste Liebe, hatte mich zur selben Zeit nach 33 Jahren gesucht und auch gefunden.

So klärte sich nun unser gutes Einvernehmen am Ende unserer Liebschaft auf.

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Koffer mit Aufkleber

von Herta Waldner, Hausmuseum Villa Freischütz Meran

Koffer_FreischützAufwendige Koffer in Rohr, Holz, Korb und Leder gab es zuhauf beim Sichten des Fundus im Hausmuseum Villa Freischütz in Obermais. Ein schlichter, sehr leichter Hartschalenkoffer „Typ Zwanziger Jahre“ entging deshalb unserer Aufmerksamkeit bis zum 8. November 2018. Ein weißer, runder Aufkleber mit der Notiz „WAEPANAERT Galaanzug“ ließ uns dann doch den Deckel lüften.

Zum Vorschein kam eine Galauniform mit üppig goldbestickter Hose samt Uniformjacke, ein leicht zerzauster Zweispitz mit Straußenfedern mit goldenem Emblem der Manufaktur J.B. Dubois & Fils Bruxeles- Fabrique de Coiffures e Passemonteries Militaire.

Koffer_Freischütz2Die Familie Fromm, selbst als Kurgäste 1905 nach Meran gekommen und seit 1922 in der Villa Freischütz Zuhause, kann man kosmopolitisch nennen: Peru, Göttingen, Barcelona, Paris. Alle Mitglieder waren mehrsprachig, davon zeugen antiquarische Bücher, Tagebücher und die Korrespondenz, aber so ein nordischer Name stach uns selten ins Auge. Vage erinnerte ich mich an ein sehr schönes Weihnachtsbillet von einer gewissen Carmen de Waepanaert, Xmas 27. Ihr Vater war Exminister von Belgien, Generalkonsul von Havanna, Chevalier vom Leopoldsorden… – als Kurgast nach Meran gekommen mit seiner spanischen Frau Dolores G. de Roig und Tochter Carmen, logierte er ca. 10 Jahre im Palast Hotel.

Beim Recherchieren der digitalisierten Zeitungen der Tessmann Bibliothek wurden dann die Todesanzeige und zwei Zeitungsnotizen aus dem Februar 1922 bezüglich eines belgischen hohen Militärs, Chevalier Charles Gustave Louis Philippe Waepanaert de Termiddel Erpe, gefunden.

Koffer_Freischütz3Als letzter Puzzlestein der detektivischen Kleinarbeit kam der Zufall hinzu. Tage zuvor – zu Allerheiligen – beim Studieren der Grabsteine der Gruften im Untermaiser Friedhof unter den Arkaden – derselben Reihe, wo auch der Grabstein der Familie Fromm Y Hilliger zu finden ist – fiel mir ein sehr schöner Grabstein auf. Direkt neben John Lowson Stoddart, dem amerikanischen Wahlmeraner. Auffallend auch wegen des nicht sehr ortstypischen, zungenbrecherischen Namens, der auf einen ebenso zugereisten Kurgast schließen ließ. Dort also hatte Waepanaert seine letzte Ruhe gefunden.

Der Rest der Geschichte lässt sich nur vermuten: am logischsten ist die Tatsache, dass Familie Fromm, die viele Jahre in Barcelona gelebt hatte, mit Dolores, der Gattin des Chevaliers, ihre gemeinsame spanische Herkunft verband. Der Umstand, dass Franz Fromm leidenschaftlicher Sammler von barocken Seiden war, lässt zudem den Schluss zu, dass Carmen de Waepanaert ihm die Galauniform ihres Vaters entweder verkaufte oder gar schenkte und das Prachtstück so in die Sammlung der Schätze der Villa Freischütz gelangte.

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